Zoom

50 Jahre Hymer-Eriba: Die Legende lebt

50 Jahre Hymer-Eriba: Wenn zwei Flugzeug-Ingenieure an einem Wohnwagen tüfteln, kann nur die Touring-Baureihe entstehen – bis heute ein voller Markterfolg.

Der erste Wurf des ehe­maligen Raketenbauers Erich Bachem und des Dornier-Entwicklers Erwin Hymer (Bild) war als Einzelstück gedacht, für den Privatgebrauch. Trotzdem war das Lastenheft anspruchsvoll: Der später so genannte Ur-Troll von 1957 sollte als Leichtbau entstehen mit Aluminium wie beim Flugzeug als Außenverkleidung über einem verwindungssteifen Stahlrohrgerippe. Und das alles in aerodynamischer Formgebung.
Erich Bachem hatte bereits Erfahrung in der Konzeption von Wohnanhängern. 1937/38 entwickelte er den Aero-Sport, der bei dem Segelflugzeug-Hersteller Wolf Hirth in Kirchheim unter Teck entstand: eine Sperr­holzkonstruktion, die ab 1946 in etwas veränderter Form als „Hirth Tramp“ weiter gebaut wurde.

Für Erwin Hymer war das Thema Caravan hingegen Neuland: „Ich habe damit vorher nichts zu tun gehabt.“ Im väterlichen Betrieb in Bad Waldsee, mit dem er sich selbständig machen wollte, entstanden bis dahin nur Karosserien, landwirtschaftliche Anhänger oder Stahlformen für Styropor.

Der Ur-Troll war bereits ein „Drei-Raum-Luxus-Fahrzeug“, wie es wenig später
in einem zeitgenössischen Prospekt hieß, mit unabhängi­gen „Wohn-/Schlaf-, Koch- und Waschzentren“. Geschlafen wur­de auf den Bänken, die immerhin 190 Zentimeter lang waren. Im Bug befand sich quer zur Fahrtrichtung ein zusätzliches Polster – wohl mehr für ein Kind gedacht, denn es war schmal­ und lediglich 187 Zentimeter lang.

Sanitärraum und Küche mit Zweiflammkocher genügten den damaligen Ansprüchen. Ein von außen befüllbarer oben liegender Tank bevorratete das Wasser, das bei offenem Hahn der Schwerkraft folgte. Auch schon an Bord: Heizstrahler und ein Absorber-kühlschrank mit dem vertrauenerweckenden Namen Sibir. Bei der Konstruktion des Ur-Troll wurden auch gleich Ausstellfenster mit erfunden. Erwin Hymer bezog die Fensterprofile von Happich: „Im oberen Drittel haben wir dann eine Achse montiert, so dass sich die Fenster in Heck, Küche und Bad ausstellen ließen.“ Pfiffig waren auch die Auszugsstützen: Wurden die Sicherungssplinte entfernt, zogen eingelassene Federn sie in einem Schwung automatisch nach oben. Probleme verursachte die Position der Türe zwischen Küche und Hecksitzgruppe. Dort behinderte ein Radkasten den bequemen Zustieg.

Aber die experimentierfreudigen Ingenieure haben die Einzelradaufhängung auf dieser Fahrzeugseite einfach frech ein paar Handbreit nach hinten verschoben. Nachteile waren kaum zu befürchten: Der Hänger lief einwandfrei hinterher. Nur der TÜV wurde alle zwei Jahre bei der Hauptuntersuchung schier wahnsinnig, weil der Caravan auf keinen normalen Bremsenprüfstand passte. Apropos Einstieg: Der Ur-Troll bot bei einer Außenhöhe von 220 bereits eine Stehhöhe von 185 Zentimetern. Der Trick hieß Stufendach und sein Pendant Stufenboden. Kurzum: Es steckten zu viele gute Ideen in dem Ur-Troll.

Die Zeit war reif für eine Kleinserie, zumal ab Januar 1957 der Maschinenbauer und Betriebswirt Bernhard Jehne als erster Angestellter das Gründungsteam vervollständigte. Mit dieser Geschäftsidee hatte die ursprünglich kleine Karosseriebau-Werkstatt Hymer ihre Spezialisierung gefunden. Die Wohnanhänger hießen allerdings Eriba – nach ihrem Erfinder ERIch BAchem (übrigens ein Spitzname aus Studentenzeiten). Im Februar 1958 lief die serienmäßige Herstellung an, zunächst mit dem Modell „Puck“. Dann folgten der „Faun“, die „Familia“-Version und schließlich der Typ „Troll“. Alle hatten bereits den typischen „Hub-Dach-Lüfter“.

Der Puck war das Volumenmodell und auch für „Zugwagen ab 250 ccm“ geeignet. Er zuckelte mit seinen Schubkarren-Rädchen und einem Fliegen-Leergewicht von 195 Kilo hinter Goggomobil oder Lloyd Alexander hinterher, die im Wie­deraufbau-Deutschland die Straßen reichlich bevölkerten. Das Modell kostete 3090 Deutsche Mark (Winterpreis: 2935 DM). Es wird bis heute gebaut und ist weltweit der erfolgreichste Wohnwagen-Einzeltyp.

Der Troll war bis 1959 zum Preis von 7950 DM das Flaggschiff der Eriba-Flotte. Er wurde nur wenig modifiziert und erhielt beispielsweise eine zum Bett umbaubare Sitzgruppe und eine durchgehende Achse. Allerdings zeigte sich, dass die Besitzer ausreichend PS-star­ker Zugwagen noch keinen Geschmack am Campen gefunden hatten. Das Fahrzeug wurde vom Markt genommen und erlebte erst 1963 mit Hubdach sein Comeback. Überraschend war Erich Bachem 1960 im Alter von nur 53 Jahren gestorben, und die Rechtsform der Firma wechselte von der Einzelfirma zur Kommanditgesellschaft. Aber unter dem Blech blieben auch die moderneren Touring-Wohnanhänger dem technischen Konzept bis heute treu.

Mit gutem Grund, denn tatsächlich schafften Puck, Faun, Troll und Co, was sonst nur wenigen Fahrzeugen vorbehalten bleibt: Sie eroberten das Herz ihrer Besitzer im Sturm. Landesweit sorgen heute 17 Eriba-Hymer-Clubs mit rund 700 Mitgliedern für das richtige Wir-Gefühl. Der Hersteller nimmt die gebührende Rücksicht. Auch 50 Jahre nach dem Ur-Troll besitzt ein Touring, der seit 1970 im Elsass bei Hymer France vom Band rollt, einen Stahlrohr-Gitterrahmen und – wie sollte es anders sein – das Lüftungs-Hubdach.

Autor

Datum

22. Januar 2007
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Alle News +++
+++ Alle Tests +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.

Videos
  • Alle Bereiche
  • News
  • Test
  • Campingplätze
  • Reise
  • Ratgeber
  • Zubehör
  • Video
  • Markt