Reise: Südholland 22 Bilder Zoom

Caravan-Tour durch Südholland: Am Wasser gebaut

Die Provinz Zeeland im Süden der Niederlande ist ganz von Wind und Gezeiten geprägt – und ist dabei vollkommen gelassen geblieben. Ein Camping-Urlaub zum Durchatmen. Hier draußen ist der Wind zuhause.

Weht über die Nordsee heran, zaust in den Haaren, salzt die Zunge. Am Strand spielt er mit dem Sand, verschafft ein paar Drachen Auftrieb, bringt die Möwen zum Zetern, lungert um die Liegestühle. Dann ist er an den Dünen angelangt, wo er sich wahrscheinlich ein bisschen ärgert, bevor er entschlossen nach oben wirbelt. Jetzt hat er nichts mehr vor sich außer den Windmühlen, die hier so gleichmäßig verteilt in den Wiesen stehen, als müssten sie das Klischee vom Land der Flügel flächendeckend erfüllen. Erst ein paar Kilometer weiter östlich gibt es wieder Arbeit für ihn: Dort warten auf der Oosterschelde die zahlreichen Segel der Freizeitskipper.

Stellen wir uns mal kurz vor, er könnte uns nach oben tragen, dieser Nordseewind, 100 Meter hoch oder vielleicht auch 200, und wir könnten von dort oben auf Zeeland hinunterschauen: Es würde uns kurz die Luft wegbleiben. Was für ein Land ist das! Zeeland bedeutet ja Seeland, klar, aus der Luft aber könnte man sehen, wie viel Wasser es hier tatsächlich gibt – und wie wenig Land. Im Grunde besteht die südlichste Provinz der Niederlande aus einer Reihe Inseln und Halbinseln plus einem Stück Festland an der Grenze zu Belgien. Der Rest? Ist Wasser. Zeeland ist ein Stück Holland, in dem die Dünen hinter dem Strand die höchsten Erhebungen sind. Dahinter liegt flaches, plattes Land, ein Patchwork an Wiesen und Weiden, flach und weit und windumweht, und mittendrin liegen Orte und Städte wie Domburg oder Veere oder Goes, tief verankert in ihrer maritimen Vergangenheit.

Wenn man unterwegs ist zu einem der komfortablen Campingplätze in Zeeland, auf der N 288 zwischen Vlissingen und Domburg zum Beispiel, dann kommt einem das Land mit seinen Hunderttausenden Vögeln vor, als sei es schon immer so gewesen. Dabei ist vieles hier von Menschenhand geschaffen. Irgendwann hat jemand einen Deich gebaut oder eine Brücke geschlagen – und damit das Land verändert. Das Wasser liegt meistens ein, zwei Meter unter der Straßenhöhe und bleibt so lange unsichtbar, bis die Straße im letzten Moment abknickt. Doch man fährt besser langsam in Zeeland. Und achtet auf die Bootsmasten, die scheinbar aus den Wiesen in die Höhe ragen.

Aber Zeit hat man hier ja sowieso: Das Land zwischen Ebbe und Flut ist eine Gegend zum Durchatmen. Eine, in der Tagesausflügler aus Rotterdam ganz schnell ein paar Gänge zurückschalten, um nicht misstrauisch beäugt zu werden. Eine Gegend, die keine Hektik zulässt, weil nichts auf dieser Welt beruhigender ist als langsam vorbeituckernde Boote oder Segel, die sich im Wind bauschen. Und eine, deren Bewohner sich nach Feierabend wahrscheinlich allzu gerne an die Zeiger der Kirchturmuhren klammern würden, um die Zeit bis zum nächsten Arbeitstag ein kleines bisschen aufzuhalten. Auf der Landkarte ist Zeeland nur ein paar Zentimeter vom quirligen, geschäftigen Rotterdam entfernt. In der Realität liegen ganze Welten dazwischen. Middelburg drüben auf der Halbinsel Walcheren zum Beispiel: 50.000 Einwohner, gegründet im 9. Jahrhundert, Stadtrechte seit 1217, Stützpunkt der Oostindischen wie Westindischen Compagnie und deshalb ein bedeutender Handelshafen, bis ihm andere Städte irgendwann den Rang abliefen. Middelburgs goldenes Zeitalter mag seit mindestens 400 Jahren vorbei sein – das Verschwinden von der niederländischen Großmachtbühne aber hat der Stadt gutgetan. Irgendwie haben es die Middelburger nämlich geschafft, den Glanz der reichen Handelszeiten in die Gegenwart hinüberzuretten, wo sie ihn mit einer lässigen Entspanntheit gepaart haben. Nach Feierabend sitzen sie zusammen mit den Touristen in jahrhundertealten Restaurants und sehen zu, wie die Zeit vorübergeht. Die sinkende Sonne streicht über den historischen Marktplatz, und irgendwann muss man die Augen abschirmen, so gleißend hell wird es da.
Möglicherweise war es ja ein Abend wie dieser, der Hans Lipperhey auf die Idee kommen ließ, ein Gerät zu bauen, mit dem man auch bei schwierigen Lichtverhältnissen noch klar und weit sehen konnte. Man schrieb das Jahr 1608, als besagter Lipperhey hier in Middelburg das Fernrohr erfand.

Eine Nummer kleiner, eine Nummer entspannter: Brouwershaven. Liegt ganz im Norden der Insel Schouwen-Duiveland, beinahe hingeschmeichelt an die See – als solle schon die Wahl des Standortes ausdrücken, wie sehr sich da zwei mögen. In Orten wie Brouwershaven kann man ganz schnell die Auffassung gewinnen, die Holländer seien die ultimative See-Nation. Und ihre Kinder kämen in Rettungswesten zur Welt. Die beiden in ihrem Ruderboot da zum Beispiel, höchstens acht Jahre alt, einer steuert, der andere rudert, der Hund gähnt träge in seiner orangefarbenen Schwimmweste. Die Brouwershavener sitzen derweil vor ihren Häusern oder trinken ein Bier im Pub. Oder machen klar Schiff auf ihren Booten. Das Flappern der Bootswimpel ist lauter als alles andere.

Ach ja: ein Land zum Durchatmen. Zum Luftholen, zum Kopffreiwerdenlassen. Für lange Strandspaziergänge. Für Bootstouren und Segeltörns. Für einen Tag im Stuhl vor dem Caravan, die Vogelschwärme im Blick und die Wolken, wie sie in immer neuen Formationen von der Nordsee heranziehen. Selbst der Wind ist anders hier. Fühlt sich fast wie Samt an.

Oosterschelde-Sperrwerk

Viele Bewohner von Meeresküsten kennen das Problem: Das Wasser hat nicht nur schöne Seiten, sondern kann auch äußerst zerstörerische Kräfte entwickeln. Das ohnehin flache Zeeland hatte der Unbill der Gezeiten, den Spring- und Sturmfluten, lange kaum etwas entgegenzusetzen. Nach der Flutkatastrophe von 1953 beschloss man, die Oosterschelde komplett mit einem Wehr abzuschotten – eine technische Herausforderung. Mit dem Bau des drei Kilometer langen Damms war zudem auch ein einzigartiges Stück Natur gefährdet, weshalb man sich entschloss, das Wehr mit Toren zu versehen, die nur bei Sturmfluten geschlossen werden. Auf der einstigen Arbeitsinsel Neeltje Jans im Delta-Park gibt es viel Wissenswertes und Freizeitvergnügen gleichermaßen – Besucher können sogar durch das Innere des Sturmflutwehrs mit seinen stattlichen 65 Stützpfeilern wandern. www.neeltjejans.nl

Autor

Foto

Joachim Negwer, Factum-Weise (1)

Datum

10. Juli 2014
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