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Faszination Caravan: Pläneschmied im Pfarrhaus

An Caravans gibt es viel zu verbessern, findet Pfarrer Gerhard Lanzenberger. Mit Zeichenstift und Millimeterpapier arbeitet er am perfekten Grundriss – die Essenz aus mehr als 160 000 Kilometer Reisen im Wohnwagen. CARAVANING hat den erfinderischen Geistlichen besucht.

Gemmingen im Kraichgau war schon immer die Heimat fortschrittlicher Geister. Im Jahre 1521, wenige Monate nach Martin Luthers Verhör vor dem Reichstag in Worms, ließ Ritter Wolf Dietrich von Gemmingen bereits evangelisch predigen. Und ein Nachfolger jenes spätmittelalterlichen Geistlichen würde am liebsten die Welt des Caravans reformieren. Den Anfang machte das Angebot des Organisten, ob der Herr Pfarrer nicht dessen Caravan übernehmen wolle. Gerhard Lanzenberger gefiel der Vorschlag des Musikers, und bald besaß er einen Adria 530. Ein Malaga-Urlaub war der Auftakt einer intensiven Reisetätigkeit, die den Geistlichen quer durch Europa führte – von Griechenland bis hinauf in die kurzen Nächte des Nordkaps. Im Alltag bewährte sich der Caravan als Fluchtburg. „Ich hatte eine Sekretärin, die immer unglaublich viel redete“, erinnert sich der Pfarrer. „Damals stand der Wohnwagen noch vor dem Pfarrhaus, und manchmal habe ich mich dort hineingeflüchtet, um in Ruhe arbeiten zu können.“ Lanzenberger genoss das ungewohnte Gefühl, ungestört zu sein. Als Geistlicher ist er schließlich immer im Dienst, wenn er sich im Pfarramt oder der angeschlossenen Wohnung aufhält. Kurzentschlossen besorgte er sich einen Stellplatz auf dem 25 Kilometer entfernten Campingplatz – und nutzte die neu gewonnene Freizeit, um sich Alternativen zu den herkömmlichen Caravan-Grundrissen auszudenken, an denen er eine Menge zu verbessern findet. Über seine Pläne könnte Pfarrer Lanzenberger stundenlang reden. Seit 1987 grübelt er über den idealen Grundriss. Die Essenz seiner Überlegungen steckt in den zwei „Baureihen“ seiner „Vario Solar“-Caravans: Der „DT“ zeichnet sich durch eine 90 Zentimeter breite Doppeltür aus, geplant sind Aufbaulängen von 350 bis 555 Zentimeter. Beim Spitzenmodell „DTB 555“ handelt es sich um einen großen Reisecaravan, bei dem Badezimmer und Küchenblock quer über der Achse liegen und den Innenraum zweiteilen. Eine. laut Lanzenberger, ideale Architektur, um zwei gemeinsam reisenden Paaren den nötigen Rückzugsraum zu geben, und außerdem günstig, was die Gewichtsverteilung angeht. Beim „2T“ hat Lanzenberger gleich zwei Eingangstüren eingeplant. Die einen Meter breite Doppeltür im Heck führt in die Küche, durch den quer liegenden Waschraum geht es ins Wohnzimmer, das auch durch die zweite Tür betreten werden kann. Im Bug befinden sich eine Sitzgruppe, Stockbetten oder ein französisches Bett. Bei geöffneten Badezimmertüren ergibt sich eine Blickachse quer durch den Caravan; die Hecktüre à la Knaus „Sport & Fun“ hat überdies den Vorteil, dass lange Gegenstände wie Fahrräder oder Surfbretter im Fahrzeug transportiert werden können. Alle Lanzenberger-Caravans sind mit Solaranlage und großer Duschwanne versehen, denn in Skandinavien hat der Entwickler die Vorzüge des autarken Caravans schätzen gelernt. Seinen Wilk, der Nachfolger des nach 116 000 Kilometern ausgemusterten Adria, hat Lanzenberger mit einer Solaranlage ausgestattet, die sich längst amortisiert hat.

Verbesserungsbedarf sieht Lanzenberger an allen Ecken und Enden. So sei bei fast allen Caravans die Toilette rechts platziert, ist der Pfarrer überzeugt – was bedeutet, dass unangenehme Gerüche ins Vorzelt entweichen können. Winterliches Auftauen der Wasserleitungen will Lanzenberger durch die Anordnung von Bad und Küche in seinen Grundrissen vermeiden, da man so mit kurzen, besser isolierbaren Leitungen auskommt. Ebenfalls ein Ärgernis sind ihm zu kurze Sitzgruppen – also zeichnet er eine ausziehbare Variante ein, deren genaue Funktion allerdings noch überdacht werden müsste. Überhaupt, die Umsetzung! „Pläne machen kann ich, aber handwerklich habe ich zwei linke Hände“, so der Geistliche betrübt. Die Hersteller, denen Lanzenberger seine Pläne vorstellte, reagierten zwar durchweg positiv, doch mehr als ein freundliches Schreiben kam nie heraus. Doch dass er bis jetzt nichts außer liebevollen Zeichnungen vorzuweisen hat, ficht Lanzenberger nicht an – er hat nichts von einem verbitterten, weil ignorierten Erfinder an sich. Das Plänemachen ist sein Hobby, und reisen kann man ja auch im Wilk. Der hat auch schon wieder 55 000 Kilometer auf dem Buckel; die letzte Tour führte den Pfarrer und sein Frau über 6170 Kilometer rund um Spanien. Wirklich ernst ist es Lanzenberger mit ganz anderen Dingen. Im Sommer 1999 war er mit einer 55-köpfigen Delegation des Kirchenkreises Eppingen-Bad Rappenau in Israel und fasste spontan den Entschluss, Palästinenserführer Arafat zu dessen 70. Geburtstag zu gratulieren. Arafat zeigte sich gerührt und machte dem Geistlichen ein Gastgeschenk, der seinerseits ein Exemplar seines Buches zur arabisch-israelischen Aussöhnung überreichte. Mit seinem Blitzbesuch düpierte der vorwitzige Pfarrer die deutsche Polit-Elite, denn die hatte den Geburtstag schlicht vergessen und beeilte sich nun, nachzuziehen. Nach einigem Presserummel wurde es wieder still in Gemmingen. Nur „Radio Ton“ aus Heilbronn erinnerte sich ein paar Wochen später an die Sensation und fragte in „Verstehen Sie Spaß“-Manier an, ob für einen Deutschland-Besuch Arafats ein Quartier im Gemminger Pfarrhaus bereit stünde. „Der Palästinenserführer als Exilant im Wilk?“, fragt der CARAVANING-Reporter. Doch bei aller Unbeschwertheit ist Pfarrer Lanzenberger in diesen Dingen nicht zum Spaßen zumute.

Die zehn Gebote

Du sollst einen guten Caravan bauen – die zehn Gebote eines guten Grundrisses von Gerhard Lanzenberger.

1. WC und Küchenteil müssen auf der Straßenseite sein, damit Abluft und Entsorgung niemals im Vorzelt liegen.

2. Auf der Straßenseite müssen Serviceklappen liegen für WC, Kühlschrank und Ladegut.

3. Dusche, WC und Waschgelegenheit sollen nicht in einem engen Raum gedrängt zusammen liegen.

4. Im Schlafzimmer sollen entweder zwei kombinierbare Betten oder ein Französisches Bett vorhanden sein.

5. Wasser- und Abwasserrohre sollen kurze Wege haben, am besten in der Mitte des Wohnwagens verlaufen.

6. Wegen günstiger Gewichtsverteilung sollen Küche und Bad in der Mitte des Wohnwagens liegen.

7. Ebenso sollen Frischwasser- und Abwassertank immer über der Achse liegen.

8. Damit Gäste nicht eng sitzen, sollte die Sitzgruppe breiter als die üblichen 140 Zentimeter sein oder variabel vergrößert werden können.

9. Die Sitzgruppe sollte nicht direkt an Küchenteil (Spritzgefahr) und Schränke anschließen, damit ein freier Zugang möglich ist.

10. Die Türe sollte größer als üblich sein, damit variable Elemente besser transportiert werden können und der Wohnwagen behindertengerecht ist.

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Datum

16. Dezember 2004
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