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Fensterhersteller im Wohnwagen: Die schönen Augen des Caravans

Fenster sind High-Tech-Produkte und werden als Designelemente immer wichtiger.

Drei Worte Gottes genügten (Genesis 1,3), um die Erde zu erhellen: „Es werde Licht“. Um aber das Licht auch in einen Caravan zu bringen, bedarf es viel mehr als nur ein paar guter Worte – dazu sind die Fenstermacher gefragt. Ob Hobby, Hymer, Knaus oder Bürstner: Wer an den Fenstern einmal auf das Kleingedruckte achtet, merkt schnell, dass der Markt von wenigen Unternehmen gestaltet wird: Allen voran die niederländische Firma Polyplastic. Sie bezeichnet sich stolz als „Europameister“ bei den Acrylfenstern – kein Wunder bei einem jährlichen Ausstoß von fast 800 000 Fenstern aller Art. Ein anderer Europameister kommt aus Deutschland: Die Firma Seitz im schwäbischen Krautheim beansprucht für sich, bei den Rahmenfenstern die Nase vorn zu haben. Der dritte nennenswerte Zulieferer für die Caravanindustrie hat seine Produktion im luxemburgischen Bettembourg: Para Press. „Wir sind der Zahnarzt der Branche: Wir füllen Löcher“, lacht Jan Peter Veeneman, der Chef von Marktführer Polyplas-tic, wenn man ihn auf die Fensterproduktion anspricht.

Doch längst ist das Füllen der von den Wohnwagenplanern gelassenen Löcher eine High-Tech-Angelegenheit. Wurden in den Kindertagen des Caravanings schwere und zerbrechliche Glasfenster eingesetzt, blicken die Camper seit mehr als vier Jahrzehnten nun durch Acrylplatten. Noch gut erinnert sich Jan Peter Veeneman, wie er als kleiner Junge bei den Experimenten seines Vaters zugegen war. Denn die Kunst, aus dem flüssigen Erdölerzeugnis Monomer vollkommen plane und glasklare Scheiben herzustellen, ist alles andere als einfach: „Einmal ist fast die Fabrik abgebrannt“, weiß Veeneman zu berichten – kein Wunder, wird Acryl doch in großdimensionierten Öfen regelrecht gebacken. Immerhin: Sechs Jahre nach der Aufnahme der eigenen Acrylglasproduktion kam Polyplastic 1962 mit Caravanherstellern ins Geschäft. Eine wahre Fenster-Revolution sollte dem Unternehmen aus Rotterdam 1966 gelingen, als es das so genannte vorgehängte Fenster für Wohnwagen auf den Markt brachte.

Das Prinzip: Mit einem Scharnier wird die Scheibe oberhalb der Fensteröffnung angesetzt. Sie ist aufklappbar und bietet zugleich optimalen Wetterschutz. Ein dicker Gummirahmen an der Caravanwand sorgt dafür, dass die Acrylscheibe optimal und fest schließend anliegt. Die Isolation der ersten Acrylfenster war indessen wenig befriedigend; zudem liefen die Scheiben bei jedem Klimawechsel an. 1972 zeigten die Holländer erneut Innovationskraft und stellten erstmals vorgehängte Doppelfenster vor. Es werde Licht – und zwar weißes. Dies galt in der Caravaning-Welt bis 1976. Bis dahin waren die Scheiben glasklar.

Polyplastic war es vorbehalten, mit getönten Scheiben Farbe in die Fensterwelt zu bringen. Ihr Vorteil: gedämmtes Licht und noch bessere Hitze-Isolation. Und waren die Fenster anfangs wirklich nicht mehr als zweckmäßige Füllungen von mehr oder minder großen Löchern, sind sie spätestens seit Mitte der achtziger Jahre auch Gestaltungselemente, weil seither Produkte mit den nach Wünschen der Hersteller lackierten Fensterrändern auf den Markt kamen. Die nächste Fortentwicklung kam 1995, als die Niederländer eine Idee aus der Pkw-Welt adaptierten und die Fensterränder im Siebdruckverfahren gestalteten. Auf deutscher Seite ist vor allem ein Unternehmen im Blickpunkt: Seitz. 1977 drückte der Schwabe Eugen Seitz der Caravaningbranche seinen Stempel auf – zunächst machte er viele Wohnwagen mit seinen Kombirollos schnakenfrei und sorgte für Verdunkelung. Seine nächste Idee: Warum sollte man das Kombirollo in einem Caravanfenster nicht in einem Polyurethan-Rahmen integrieren? Gesagt, getan. Dies war der Beginn der Fensterproduktion in Krautheim.

Mehrere Millionen Exemplare haben sich seither in vielen Freizeitfahrzeugen bewährt. Und Eugen Seitz bewies wieder das richtige Gespür, als er 1994 sein Hebe-Kipp-Dach vorstellte, das schon legendäre Heki. Licht- und luftdurchflutet rollten die Caravans nun daher. Sowohl Hekis wie Rahmenfenster gibt es bei Seitz nun in der vierten Generation. Auch nach dem Ausscheiden des Namensgebers Eugen Seitz, der das Unternehmen 2000 an Dometic verkaufte, geht die Entwicklung in Krautheim innovativ weiter. Einer der vielen Vorteile, die Acrylglas bietet: die fast unbegrenzten Gestaltungsmöglichkeiten.

Unter Hitze sind die Platten in benahe jede beliebige Form zu bringen. Dies gilt nicht nur für die Rahmenform, sondern auch für die Wölbung der Scheiben. Sie kann – nach den Vorgaben der Designer – exakt an die Karosserieformen angepasst werden. „Individualität ist Trumpf“, betont Peter Veeneman, denn schon lange nicht mehr bedienen sich die Hersteller nur an den Standardgrößen. Allein bei Polyplastic werden mehrere tausend Gussformen vorgehalten – um bei Bedarf jederzeit Ersatzserien auflegen zu können. Seit Jahren finden moderne CAD-Systeme Anwendung. „Wir spielen mit Formen“, sagt der Chef von Polyplastic. Er prophezeit (und hofft), dass die Fenstervielfalt in den Freizeitfahrzeugen in den nächsten Jahren noch viel größer wird.

Dies umso mehr, als es in naher Zukunft bestimmt auch Fenster mit integrierten dreidimensionalen Rahmenformen geben wird. Ein Vorurteil schmerzt den Chef des 200-Mann-Unternehmens indes: die Meinung, dass vorgehängte Fenster qualitativ schlechter seien als Rahmenfenster. Dabei verweist er darauf, dass die Isolationswerte der vorgehängten den Rahmenfenstern in nichts nachstehen. Wegen der kleineren Rahmeneinfassung bieten die vorgehängten Modelle bei gleichen Ausschnitten sogar eine größere Fensterfläche. Dass die vorgehängten Fenster preiswerter in der Herstellung und dazu auch noch deutlich leichter sind, wertet Veeneman als Vorteil: „Das kommt alles den Kunden zugute.“ Indes: Bündige Abschlüsse mit der Karosserie sind nur mit Rahmenfenstern möglich. Zudem sind diese leichter einzubauen, und sie gelten als einbruchsicherer. Was kommt in Zukunft? „Noch mehr attraktive Designausführungen“, ist sich Jan Peter Veeneman sicher. Er freut sich, dass die Fahrzeuggestalter wie noch nie zuvor die Fensterformen in ihre Überlegungen einbeziehen. „Kein Wunder, denn die Fenster sind ja so etwas wie die schönen Augen einer Frau“, hat der Niederländer die Erklärung parat.

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Datum

12. Januar 2005
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