Lido di Pomposa an der Adria 25 Bilder Zoom

Mit dem Caravan an die Adria-Küste: Camping-Tour obere italienische Adria

Viele Leute machen es sich ja ganz einfach: Adria = Teutonengrill. Im Sommer ist das hier manchmal auch die Hölle – alles ist voll, alles ist teuer, alles ist laut. Aber in der Vor- oder Nachsaison? Ist es ganz anders. Unterwegs von Venedig nach Rimini.

Ruhig und friedlich liegt heute das Meer in der Lagune von Goro. Die Sonne traut sich nur zögernd durch den Nebel des Morgens hervor. Ein paar Fischerboote tuckern hinaus. Das Ufer verschwindet schnell wieder hinter einem weichen Schleier. "Die Lagune von Goro ist ein kleines Paradies", sagt Stefania Carli, die Kapitänin unseres Schiffes, der Albatros 2, mit dem wir vor etwas mehr als einer Stunde in Porto Garibaldi gestartet sind. "Schauen Sie genau hin", sagt sie, "Fischreiher, Seidenreiher, Blässhühner und Moorfalken begleiten uns." Das Licht, das Wasser, der Geruch – all das nimmt einen sofort gefangen. Stundenlang könnte man an Deck stehen und einfach nur zuschauen: den Fischern zum Beispiel, die ihre Ernte einholen.

Wir wollen die ruhige Seite der Adria noch vor dem Hochsommer erkunden – weg vom Strand, rein ins Hinterland. Die Naturschutzgebiete im Mündungsdelta des Po, die Valli di Comacchio und die Badeorte in einer Zeit, zu der noch nicht viel los ist. Ausgangspunkt für den ersten Part ist das Städtchen Comacchio und die Lidi di Chomacchio – das sind sieben Strand-Vororte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Hafen von Porto Garibaldi liegt mittendrin. Es gibt in der Gegend eine ganze Reihe schöner Campingplätze.

Jetzt, in der Vorsaison, und später wieder im Herbst ist es hier ruhig, ja fast verschlafen. In den Orten erleben wir gelassenen Alltag all’italiana. Viel zu entdecken hier:Mit dem Fahrrad erkunden wir an einem Tag die Valli die Comacchio, das sind flache Salzwasser-Seen, zwischen denen ein weites Netz gut ausgeschilderter Radwege verläuft, vorbei an den Casoni, Fischerhütten, mit weit ausladenden Netzen. Vorbei auch an Italiens größter Flamingo-Kolonie.

Auch das Städtchen Comacchio selbst ist einen Besuch wert. Es ist einst durch die gute Verkehrsanbindung auf dem Po und durch den Salzhandel reich geworden und war vor langer Zeit drauf und dran, Venedig den Rang abzulaufen. Hat nicht geklappt, wie wir wissen. Aber: Kunstvolle Brücken überspannen die Kanäle zwischen den 13 Inseln, auf denen die Stadt gebaut ist. Besonders imposant ist die Brücke "Treponti" aus dem 17. Jahrhundert, deren Treppenrampen sich über vier kreuzende Kanäle spannen.

Die Albatros 2 startet jeden Tag in Porto Garibaldi. Die Fahrt führt zuerst an der Küste entlang, dann durch die Buchten und Kanäle des Po-Deltas. Hier münden der Po di Goro und ein Stück weiter der Po di Volano ins Mittelmeer, zwei von mehreren Armen, mit denen der größte Fluss Italiens 625 Kilometer von seiner Quelle entfernt das Po-Delta bildet. Der Fluss hat das Land zerteilt in weite Schilfflächen, kleine Inselchen, Sümpfe, Kanäle und immer wieder auch in weite Wasserflächen. Das Mündungsdelta zählt heute zu den wertvollsten Naturschutzgebieten Europas mit einer einzigartigen Flora und Fauna. Hier fühlen sich nicht nur Vögel wohl, sondern auch Meeresgetier aller Art.

Die Fahrt mit der Albatros 2 ist eine gemütliche Angelegenheit. Die sympathische junge Kapitänin strahlt und erzählt auf Deutsch und auf Italienisch, was es mit diesem ganz besonderen Stück Natur auf sich hat. Um die Mittagszeit legt das Schiff für eine Stunde in einer ruhigen Schilfbucht am Rande der Fahrrinne an, serviert wird ein einfaches, aber feines Menü mit frischen Meeresfrüchten aus dem Mündungsdelta, dazu gibt es Wasser und Weißwein. Nach drei Stunden macht sich die Albatros II wieder auf den Rückweg in Richtung Porto Garibaldi. Es bleibt der Eindruck einer ganz anderen Adria – kein Teutonengrill weit und breit. Mal sehen, wie sich das im berühmtesten Ort der Region verhält: in Rimini.

Diese 150.000-Einwohner-Stadt hat in der Vorsaison eine ganz eigene Atmosphäre. Die Bagni, die Strandbäder, sind durchnummeriert. Dort, wo im Hochsommer das heilige Trio – zwei Liegestühle und ein Sonnenschirm – eng an eng stehen und schon mal 20 Euro pro Tag kosten können, sind jetzt nur die Hülsen für die Schirme zu sehen. Das wirkt manchmal wie ein grafisches Kunstwerk. Die Sonne hat schon im Mai und Juni richtig Kraft, doch am Strand liegen nur vereinzelt erste Sonnenanbeter. Hotels, Bars, Restaurants, Läden – vieles hat noch geschlossen, aber überall wird schon gearbeitet.

Die Altstadt von Rimini gibt sich um diese Jahreszeit und später wieder im Herbst auf schöne Weise italienisch. An der Piazza Tre Martiri singt ein Musiker 70er-Jahre-Lieder, viele entspannte Radfahrer sind unterwegs, auf dem Markt kann man die großen Gesten von Händlern und Käufern beobachten. An der Piazza Cavour mit einem Brunnen, den Leonardo da Vinci gebaut haben soll, herrscht das ganz normale Alltagstreiben. Studenten sitzen auf den Stufen vor dem antiken Rathaus und zeichnen den Platz, Kinder spielen überall, und im Café gegenüber werden Brioche und Cappuccino serviert.

Mit dem Fahrrad kann man Rimini gut erkunden. Erst mal einkaufen in der Markthalle, dem Mercato Coperto an der Via Castelfidardo. Das Fischangebot ist großartig, Calamari, Sepia und mindestens 20 Arten von Muscheln – gedeiht ja alles hervorragend ganz in der Nähe. Wir aber kaufen ein frisches Stück Braten, dazu Tomaten und Focaccia, das herrliche Brot mit Olivenöl und Rosmarin. Das sind doch beste Voraussetzungen für ein gemütliches Picknick am Strand.

Das Schöne an dieser Adria-Region ist, dass es viele Campingplätze gibt – und ein dichtes, sehr gut ausgeschildertes Radwegenetz. An einem Tag radeln wir zum Beispiel am Po entlang nach Mesola: eine herrlich ebene Strecke am Ufer von Italiens längstem Fluss. Das Schloss von Mesola wurde im 16. Jahrhundert gebaut und diente als standesgemäße Unterkunft für die feinen Herrschaften, wenn sie im Wald von Mesola auf Hirschjagd gingen. Mehr als 400 Baumarten wachsen dort, Steineichen sind darunter, Eschen, Ulmen oder Silberpappeln. Ganz in der Nähe liegt zwischen Feldern die Abbazia di Pomposa, eines der ältesten Klöster Italiens. Speziell in der Vorsaison sind das Städtchen und die Abtei auf wunderbare Weise verschlafen; der Kirchturm ist 48 Meter hoch und bietet eine prima Orientierungshilfe.

Wir könnten jetzt ewig weiterfahren, nach Riccione oder Cesenatico etwa, beide sind sie jetzt noch ganz ähnlich wie Rimini: sympathische Kleinstädte mit weiten, leeren, herrlichen Sandstränden. Noch – im Juli und August sieht hier alles ganz anders aus.

CARAVANING-Tipps zur Adria-Region:

Die Abtei von Pomposa - Einstiges Zentrum der Macht. Ein besonders lohnendes Ziel auf einer Tour durch die obere Adria-Region ist die ehemalige Benediktiner-Abtei von Pomposa. Sie stammt aus dem 7. Jahrhundert und war im Spätmittelalter ein Zentrum der politischen und der religiösen Macht. In dieser Zeit verwalteten die Mönche von hier aus 50 Kirchen und 18 Diözesen. Die Abtei gilt als Meisterwerk der romanischen Baukunst, Fresken aus dem 14. Jahrhundert sind zum Teil noch erhalten und zu besichtigen. 1671 verließen die letzten Mönche das Anwesen, das später an einen Privatmann verkauft wurde. Im ehemaligen Schlafsaal über dem Kapitelsaal ist heute ein Museum eingerichtet, im Sommer finden in der stimmungsvollen Anlage Konzerte statt.

Gutes aus dem Meer: Das verzweigte Mündungsdelta des Po bietet ideale Lebensbedingungen für Fische und Meeresfrüchte aller Art. Hier werden zum Beispiel Muscheln gezüchtet, von den kleinen Vongole über Miesmuscheln bis hin zu den großen Jakobsmuscheln, dazu gibt es Calamares, Scampi, Brassen und auch Spezialitäten wie Lumache. Das sind kleine Meeresschnecken, die man auf vielen Speisekarten als Besonderheit findet. Sie werden meist mit einer würzigen Tomatensoße zubereitet – und dann mit einem Holzstick aus dem Schneckenhaus gepickt.


Autor

Foto

Joachim Negwer

Datum

28. Juni 2016
Dieser Artikel stammt aus Heft CARAVANING 6/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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