Trampen mit Wohnwagen 12 Bilder Zoom

Trampen mit dem Wohnwagen: 2500 Kilometer per Anhalter durch Europa

"Haben Sie eine Anhängekupplung?" Zwei Freunde trampen vom Lago Maggiore nach Stuttgart. Sie haben: Zeit, wenig Geld und einen Caravan. Es fehlt: ein Auto. Mit dem Wohnwagen per Anhalter unterwegs.

Für manche Menschen überschreitet schon die Vorstellung, zu zweit eine einzige Sommernacht im winzigen Knaus Schwalbennest zu verbringen, die Grenzen der Vorstellungskraft. Reichert man dieses Szenario mit Kälte, fehlender Toilette und steter Ungewissheit an, dann kommen selbst Hartgesottene schnell an den Punkt, an dem sie dankend ablehnen.

Valentin von Vacano gab genau das den Kick. Und vielleicht deshalb strahlen „der Caravaner“ und sein Kumpel Rainer Möller, der Fotograf, noch am 27. Tag ihres Trips und in Sichtweite des eigenen Bettes noch jenen unerschütterlichen Gleichmut aus, der echte Kerle auszeichnet.

Ich treffe Valentin und Rainer an einem Parkplatz fast in Sichtweite zur Messe Stuttgart, wo vier Tage später die CMT losgeht. Welche Rolle das spielt? Ganz einfach: Der pünktliche Zieleinlauf zur großen Reisemesse ist Bestandteil des Projekts. Aber nur einer. Die zweite, selbst auferlegte Bürde ist, zwischen dem Tessin und Stuttgart mindestens 2500 Kilometer zurückzulegen - und zwar hinter den Autos wildfremder Menschen.

Jetzt steht es also hier, das Schwalbennest von Knaus, kurz vor dem Ziel. Hergebracht von zwei Damen, die es spät abends vom abschüssigen Rand einer vierspurigen Innenstadtstraße retteten. An der Deichsel angebunden der Stromgenerator, in der Tür ein Pappschild mit Handynummer. „Wir waren noch den Sonnenuntergang fotografieren“, begrüßt mich Valentin, Fotograf Rainer im Schlepp.

Facebook hat uns zusammengeführt. Im sozialen Netzwerk und auf der Internetseite www.der-caravaner.de hat Valentin Spuren hinterlassen, um immer auffindbar zu sein. In diesem Fall war das fast vor der Redaktionstür. „Hammer, dass du uns mitnimmst. Wo fahren wir hin?“ hippelt Valentin. Okay, denke ich, die meinen es ernst. Weder S-Bahn noch Nähe zu den Liebsten halten die beiden davon ab, noch mal am roten Dauertest-Opel von CARAVANING anzudocken. Es müssen noch knapp 300 Kilometer gemacht werden, da sind sie penibel.

Beeindruckt von so viel Disziplin, beschließe ich, Nest samt Vögel für eine Nacht privat zu beherbergen und mit dem Nötigsten (Essen, Bier und Strom) zu versorgen.

Zieleinlauf: nicht der kürzeste, sondern der schönste Weg

Natürlich kommt für die Heimfahrt nicht der kürzeste, sondern nur der schönste Weg in Frage. Also rüber zum Hohenstaufen, den Blick ins Tal mit den allerletzten Sonnenstrahlen genießen. Und dann kreuz und quer über den Schurwald Richtung Heimat.

Ich kannte Valentin nicht. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, neben einem Fremden zu sitzen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum sich immer wieder Menschen bereit erklärt haben, die Männer und ihr Schwalbennest mitzunehmen. Einmal sogar über 550 Kilometer weit. Am Stück.

"Es gibt viele tolle Menschen da draußen"

„Wenn´s vorwärts geht, ist alles gut“, lautet ein Satz, den Vacano noch öfters sagen wird. Man spürt die Erschöpfung. Man spürt aber auch, dass der 37-Jährige glücklich ist. „Gleich am Anfang in Melide haben wir vier Tage gewartet, bis uns jemand mitnahm. Da dachten wir: das wird nix. Aber jetzt weiß ich, dass es viele tolle Menschen gibt da draußen.“ Auf einmal wird er wach, der Caravaner. Noch 250 Kilometer. Er will eine Steigerung, noch mal ganz weit weg. Lieber kolossal scheitern als „luschenhaft“ ums Ziel kreisen. Rainer wird bang.

Gemeinsam schaffen wir es, Valentin zu überzeugen: Was du geschafft hast, lieber Caravaner, ist aller Ehren wert. Und ein tolles Signal, wie abenteuerlich Camping sein kann. Danke dafür.

Auszüge aus dem Online-Tagebuch www.der-caravaner.de

"Drago (km 71 bis 621) Ich machte mir keine Hoffnungen. Mit Beule am Kopf und Plastiktüte in der Hand sah ich nicht sonderlich vertrauenerweckend aus. Aber auf einem solchen Trip darfst du keine Anhängekupplung auslassen, sonst erfrierst du oder die Bullen schleppen dich ab. Ich nahm mich zusammen. Innerhalb von zehn Minuten hatte ich diese Fahrt am Start, und es sollte eine Fahrt werden! Kilometer flogen wie Sekunden vorbei. Drago und Rada sind ein Ehepaar, wie man es sich nur wünschen kann. Sie ist Serbin und er Kroate. Drago und Rada sind Menschen, die ich mir zum Freund wünsche. Die Begegnung mit ihnen war großes, sehr großes Glück. Und schließlich, mitten in der Nacht, landete ich im Ljubljana Resort. Ich kann es gar nicht fassen. Ich lerne hier gerade mehr als in jeder Schule, und das Leben wird mir Tag um Tag zum Freund."

"Alleine auf dem Campingplatz - und kein Gas. Dann stand plötzlich Ziga vor mir. Er fuhr uns durch die halbe Stadt. Ich finde es unglaublich, dass er so schnell und ohne große Rückfragen geholfen hat, Gasflaschen zu bekommen. Schließlich kamen wir an Gasflaschen, die passten aber nicht durch die Luke. Habe mir einen Notbehelf gezaubert. Den muss man jetzt allerdings vor jedem Start wegschrauben, sonst wird das gefährlich. Dann suchte ich Weihnachten in Ljubljana. Weihnachten habe ich heute jedenfalls nicht gefunden. Also werde ich morgen noch einmal danach suchen..."

"Träume Im Schlaf flüsterte der Fotograf den Namen seiner Freundin. Bei mir war das anders; ich sah Anhängekupplungen wachsen. Anhängekupplungen aus dem Boden, aus Menschen, aus Autos. Sie blühten und glühten..."

"Unmut macht sich breit im Schwalbennest. Rainer, der Fotograf, und ich hausen bereits seit 18 Tagen auf Doppelbettgröße. Das Zusammensein auf engstem Raum gestaltet sich härter als jede Ehe. Rainer bezeichnet das Unternehmen mittlerweile als „Todesprojekt”. „Wenn ich meine Frau wegen diesem Projekt verliere, bringe ich dich um”, hat er eben gesagt. Zum Glück hat er dabei gelächelt und sein kleines Taschenmesser in der Hosentasche behalten."

"1512 km Nach wenigen Minuten gibt der Motor seltsame Geräusche von sich. Runter von der Autobahn. Und so warteten wir mehrere Stunden an einer Gebetsstation der Heiligen Jungfrau zwischen zwei alten Linden auf Hilfe. War das meine Vorsehung? Göttliche Fügung? Ich sinnierte kurz an der Gebetsstation und ging in mich. Als „Urlaubsteam” ließen uns Florian und Jenny dann aber nicht im Stich. Und weil wir auf gemeinsamer Fahrt waren und alle im ADAC sind, hat uns der ADAC dann schließlich auch abgeschleppt. Man hat unseren Anruf aber irgendwie vergessen, und so dauerte das Warten bis spät in die Nacht. Ich lief immer wieder zur Jungfrau, irgendwie war es ein guter Ort. Der ADAC zog uns bis zur Raststätte Kammersteiner Land. So wurden Zugvögel zu Pechvögeln."

Fendt Bianco Selection 465 SFB: Ingo Werner

Autor

Foto

Rainer Möller

Datum

9. April 2013
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