Interview Erwin Hymer Marcel Kästner
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Interview mit dem Erwin Hymer Chef Martin Brandt

Interview mit dem Erwin Hymer Chef Martin Brandt „Der Caravan ist bei Dethleffs das Herzstück“

Die Erwin Hymer Group (kurz: EHG) hat ihre Nachhaltigkeitsoffensive und Zukunftsstrategie vorgestellt. Die Fragen dazu stellten Jürgen Bartosch und CARAVANING-Chefredakteur Ingo Wagner.

Herr Brandt, die EHG hat sich Nachhaltigkeit im Sinne des Klimaschutzes neben Profitabilität als oberstes Ziel gesetzt. Bis 2050 wollen Sie CO2-neutral sein, in den vergangenen zwei Jahren soll der CO2-Ausstoß der EHG bereits um 50 Prozent gesunken sein. Erreicht haben Sie das unter anderem mit Öko-Strom, Biomasse-Heizungen. Aber was ist mit den Freizeitfahrzeugen? Wann kommen Materialien mit besserer Ökobilanz?

Wir arbeiten daran schon länger. Wir wollten aber erst einmal ein Stück vorwärtskommen, bevor wir darüber reden. Also haben wir analysiert, wo die Hebel sind, und dann zunächst das umgesetzt, was vergleichsweise schnell und einfach geht: zum Beispiel die Umstellung auf grüne Energie und die Unterstützung von weltweiten Projekten zur CO2-Kompensation. Und ein Punkt auf unserer CO2-Agenda ist natürlich auch das Produkt. Wir haben ja schon in der Reisemobil-Studie Vision Venture mit Filz, Bast und Schiefer gearbeitet. Das geht in eben diese Richtung. In unserem Innovation Center testen wir auch schon neue Materialien. Wir müssen aber auf das Gewicht und auf Sicherheitskriterien achten. Wir werden also in diese Richtung gehen. Zunächst übrigens mit der Marke Dethleffs. Aber da reden wir nicht über Monate, sondern über Jahre.

Das Ziel, CO2-neutral zu werden, ist wichtig, aber: Warum erst 2050? Deutschland soll 2045 CO2-neutral werden, Baden-Württemberg bereits 2040.

Wir haben gesagt, spätestens 2050. Wir sind Schwaben und deshalb lieber etwas vorsichtig (lacht). Wir produzieren seit 1. August CO2-neutral und reden erst jetzt darüber. Wir haben Respekt vor den letzten zehn Prozent, weil die vermutlich hart werden. Ich bin trotzdem sicher, dass wir es früher hinkriegen. 2050 ist übrigens auch das Ziel, das Thor Industries seinen Investoren kommuniziert hat.

Bei den Caravans sind die Verkaufszahlen leicht rückgängig. Bekennt sich die EHG dennoch zu allen Wohnwagenmarken? In der Branche wird immer wieder gemunkelt, dass einzelne Marken der EHG vor dem Aus stünden.

Nehmen sie nur mal Dethleffs, Bürstner und LMC, da ist der Caravan doch das Herzstück. Und der Eriba Touring ist eine Ikone. Das werden wir auf jeden Fall weiterführen. Wir haben jetzt den Boom bei Campervans und Reisemobilen, aber der Caravan wird seine Berechtigung weiterhin haben. Wir entwickeln mit Dethleffs und ZF ein elektrisch angetriebenes Anhängerchassis – solche Anstrengungen würden wir ja nicht unternehmen, wenn der Caravan nicht mehr relevant für uns wäre.

Gibt es Bestrebungen, mit Ihren englischen Marken Buccneer und Elddis auf den Kontinent bzw. nach Deutschland zu kommen?

Nein. Ich weiß, manche britischen Hersteller tun das. Auch, weil sie wegen des Brexit unter Druck sind. Aber wir haben da keine Pläne.

Würden Sie sagen, dass es im Portfolio der EHG noch Lücken gibt?

Von den Fahrzeugen her haben wir eigentlich keine Lücken. Das einzige, was wir nicht haben, sind Mobilheime. Wir wissen ja, dass in anderen Ländern, gerade in Frankreich und Kroatien, die Campingplätze vermehrt auf Mobilheime setzen und Flächen für Wohnwagen zurückdrängen.

Die EHG hat die Übernahme der US-amerikanischen Firmengruppe Airxcel bekannt gegeben. Werden Heizungen, Klimaanlagen und Kocher der Firmen auch in hiesigen Fahrzeugmarken zum Einsatz kommen?

(lacht) Es ist so, dass Airxcel in Europa relativ klein, also noch meilenweit weg davon ist, in Konkurrenz mit Dometic und Truma zu treten. Wir müssen zunächst einmal mit Airxcel sprechen, was die so vorhaben. Die Firma muss ja jetzt erst mal ankommen in der Gruppe.

Der Trend zur Unabhängigkeit von externen Zulieferern ist auch in der eigenen Chassis-Halle in Bad Waldsee zu erkennen, die im Frühjahr 2022 in Betrieb geht. Werden dort Caravan-Chassis gebaut?

Nein, wir bauen keine eigenen Caravan-Fahrwerke. In der neuen Halle endmontieren wir Chassis für unsere Reisemobile auf Mercedes-Sprinter-Basis aus zugelieferten Teilen. Wir haben keine eigene Metallverarbeitung oder Verzinkerei in Bad Waldsee.

Die EHG hat im Geschäftsjahr 2020/2021 die Rekordzahl von 65.000 Fahrzeugen produziert, dafür wurde die Mitarbeitenden-Zahl um 21 Prozent auf 8883 erhöht: Welche Standorte sind besonders stark gewachsen?

Wir haben an allen Standorten Mitarbeiter aufgebaut, insgesamt 1550. Nach Zahlen waren es in Sassenberg, Neustadt, Isny und Bad Waldsee am meisten. Prozentual ist die Mitarbeitendenzahl im italienischen Laika-Werk am stärksten gestiegen.

Trotz voller Auftragsbücher droht wegen Lieferengpässen Kurzarbeit. Betrifft die Produktionsdrosselung auch Caravans?

Vor allem sind Reisemobile betroffen, weil Fiat und Mercedes ihre Produktion stoppen mussten. Wir werden in den nächsten Wochen verstärkt Caravans produzieren, um das auszugleichen. Es ist paradox: Wir haben den größten Auftragsbestand der Geschichte, und dann reden wir über Kurzarbeit. In Isny bei Dethleffs werden wir Ende Oktober, Anfang November zwei Wochen zumachen. Manche Standorte können noch mit Caravanproduktion die Reisemobil-Produktionsausfälle kompensieren. Wir müssen quasi jeden Tag umplanen.

Die Produkte der EHG müssen wegen gestiegener Rohstoffpreise teurer werden. Um wie viel Prozent haben Sie die Preise angehoben? Und können Sie sich vorstellen, die Preise auch wieder zu reduzieren, wenn sich der Markt normalisiert?

Könnte ich die Preisentwicklung vorhersehen, säße ich nicht hier, sondern würde als Milliardär enden. Meine persönliche Einschätzung ist, dass die Preise irgendwann wieder leicht sinken, aber nicht mehr auf das Niveau vor dem jüngsten Anstieg. Aktuell ist es so, dass ich noch nicht einmal eine weitere unterjährige Preisanpassung ausschließen kann.