Fahrrad-Caravan von Wide Path Camper im Test

Wohnwagen an jedem beliebigen Ort aufklappen

Fahrrad-Caravan Foto: Hans-Dieter Seufert 14 Bilder

So, Campingfreunde, wir wollen euch jetzt sogar was ans Fahrrad anhängen. Denn mit dem Wide Path Camper steht euch nicht weniger offen als: Die ganze Welt.

Diese ganze Daheimeligkeit ist ja nicht auszuhalten. Dieses permanente gemütliche Herumsitzen, das einem dauernd empfohlen wird, um zu sich zu finden, sich in Achtsamkeit zu üben oder um ein gutes Buch zu lesen. Und warum muss es auch immer noch ein gutes Buch sein, warum nicht mal ein doofes, das wäre doch mal erfrischend?, frage ich mich. Als ich mich dabei so ganz aus Langeweile in eine Wut hineinsteigere, schaue ich aus dem Fenster. Und auf den Berg, der sich jenseits der Stadt in den Himmel reckt. Seen, Flüsse, Felder, Wälder, Wiesen, alles klar, doch wozu sind eigentlich Berge da? Vielleicht einfach für die Neugier? Zum Hochfahren und Sehen, wie’s dahinter weitergeht? Um ein Ziel zu finden, das man vorher nicht kannte?

Mit dem Fahrrad-Caravan über alle Berge

Reisen ohne Ziel sind die schwierigsten, weil man ja nie genau weiß, wohin es geht und wann man ankommt. Es könnte später werden oder morgen gar. Womöglich lässt sich das eigene Zuhause am besten zurücklassen, wenn man ein kleineres mitnimmt. Also hänge ich mir am nächsten Tag ein kleines Klapphaus mit Rädern hinters Test-E-Bike für die Reise über alle Berge.

Fahrrad-Caravan Foto: Hans-Dieter Seufert
Wir sind viel herumgekommen, sogar mal mitten in einen Almabtrieb – der Hänger begeistert die Leute am meisten.

Der Wide Path Camper klinkt sich über eine Kupplung an die Hinterachse des Bambusrads und wirft einen Schatten wie ein Telefonhäuschen. Zusammengeklappt ist er 1,49 Meter lang, 1,75 hoch und 0,97 breit. Er wiege, so heißt es offiziell, ab 35 kg, was man als höfliches Schwerenötern verstehen sollte – so wie absichtlich zu niedrig geschätztes Alter bei schrulligen Erbtanten. Kein anderes Land als das wunderbare Königreich Dänemark konnte diesen Schlafwagon aus Hartschale und Sperrholzboden hervorbringen. Erfunden hat ihn der Designer Mads Johansen. 2014 radelte er mit dem Camper durch die USA. Rund 30 km hat er dabei pro Tag geschafft, mit einem stromlosen Rad vornedran. Er muss Waden haben dick wie Laternenpfähle.

Daheim findet man Sachen mit Bergen immer klasse, währenddessen eher so mittel. Wie jetzt in der vierten der fünf Serpentinen, in denen sich der Radweg den Berg hinaufwindet. Hier steht alles still. Mir fehlt die Kraft, dem E-Motor einen Tretimpuls zu geben. Sieht nach einem Unentschieden aus zwischen mir und der Hangabtriebskraft. Lange nicht an sie gedacht (das war die mit: Fh=m✕g✕sin a). Es geht ihr bestens, gerade heute ist sie sehr aktiv. Fühlt sich an, als wollte ich statt des Wohnwagens ein ganzes Wohnzimmer samt eichmassiver Regalwand „Hubertus“ und Polsterlandschaft „Monterosso“ den Berg hochzerren. Ein Berg ist erst ein Berg, wenn du ihn bezwingst, denke ich mir aufmunternd. „Die Spitze des Berges ist nur ein Umkehrpunkt.“ Ah, Sie, Herr Messner, na klasse, sehr hilfreich gerade jetzt.

Mini-Caravan aus Kanada
Klein, kleiner, the Droplet

Aber dann bin ich oben. Wie stolz das aussieht, das Rad und die Wohnkiste auf dem Gipfel, der eher ein Plateau ist, hinter dem das Land sich weitet wie die Gedanken bei jeder Pedalumdrehung. Das MyBoo Volta zieht den Camper energisch über sachte Hügel, bekommt die Fuhre auch gebremst (der Wohnwagen hat eine Auflaufbremse). Bergab drückt der Hänger kräftig, und wie in schnellen Kurven muss man sich entweder auf ein niedriges Tempo herunterbremsen oder mal loslassen können – natürlich nur im übertragenen Sinn. Die frühe Frühlingssonne gibt dem Ganzen aber eh einen milden Schein. Einige Stunden und viele Kilometer später: ein See, an dem ich nie war, von dem ich nicht mal wusste.

Fahrrad-Caravan Foto: Hans-Dieter Seufert
Der Südflügel unseres kleinen Schlosses lässt sich über den Nordflügel klappen – das reduziert die Länge beim Hinterherziehen auf 1,5 m. Ausgeklappt: 2,85 m.

An seinem Ufer kuppele ich das Elektro-Fahrrad ab, klappe drei Stützen hinunter. So steht der Camper stabil genug, um ihn zu entfalten. Der hintere Teil des Salons ist um 90 Grad auf den vorderen gestülpt, klappt von einer Schiene geführt zurück. Ziehen, bis der Boden eben ist, Stützen raus und fertig. Jetzt nur noch drinnen alles einrichten: Auf 2,8 m² Grundfläche ist Platz für eine Sitzgruppe und viel Stauraum. Ich schenke mir einen Becher warmen Tee ein. Schon zieht die Nacht übers Land, sternenklar und kalt. Ich baue die Sitzgruppe mit ein paar Handgriffen zum 90-mal-200er-Bett um, klettere in den Schlafsack. Durch das Fenster gucke ich in den Nachthimmel. An seinem Rand, weit entfernt, flackern die Lichter der Stadt in die Dunkelheit. Die Wohnkiste gibt Träumen ein Zuhause.

Infos zum Fahrrad-Caravan im Überblick

  • Da gibt es Fahrrad-Wohnwagen: Bisher gab es Rad-Wohnwagen fast nur als Einzelanfertigungen. Wide Path Campers aber baut in Serie. Fahrrad XXL Walcher in Deizisau bei Stuttgart vertreibt die Wohnwagen, die bei jedem Fahrrad XXL-Händler bestellt werden können.
  • Das kostet der Camper: Für 3.999 Euro gibt es die Basisversion des Wide Path Campers – möbliert mit einer Sitzgruppe samt Tisch. Klappt der weg, lässt sich die Sitzgruppe zu einem Doppelbett umbauen. Dazu gibt es rund 300 Liter Platz für Reisegepäck.
  • Das gibt es als Extras: Kuscheliger? Frischluftiger? Hitziger? Energiereicher? Alles möglich. Neben einem Paket mit 10 cm dicken Luxusmatratzen und einem adretten Tischdeckchen gibt es ein Outdoorpaket mit zwei leichten Klappstühlen und einem Tisch, der außen am Wohnwagen eingehängt werden kann. Ins Küchenpaket packt Wide Path Campers ein komplettes Küchengeschirrset, einen Ethanolkocher und eine Kühltasche. Schließlich schafft das Solarpaket mit einer 47-Watt-Solarzelle etwas Energie-Autarkie. Sie produziert genügend Strom, um einen Ventilator und ein LED-Innenlicht zu betreiben, außerdem lassen sich Mobiltelefone über vier USB-Buchsen laden.
  • Was soll vorn dranhängen? Am besten ein E-Bike, ein robustes und mit einem starken Motor. Unser MyBoo Volta hatte noch den schwächeren Shimano-Steps-Mittelmotor mit 50 Nm maximalem Drehmoment. Die stärkere Version mit 75 Newtonmetern sollte es aber schon sein. Und der große 504 Wh-Akku.
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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