Reise-Tipp Wales Ingrid Retterath
Reise-Tipp Wales
Reise-Tipp Wales
Reise-Tipp Wales
Reise-Tipp Wales 8 Bilder

Campingreise nach Wales

Camping zwischen Wildpferden und Wasserfällen

Brexit, na und? Wales, der westliche Landesteil des Vereinigten Königreichs bleibt ein tolles Urlaubsland und ein Wanderparadies – auch für Kinder und Hund. Ideale Basislager: die Campingplätze.

"Bore da!", ruft meine Dreijährige und winkt aus dem Wohnwagen. Ihre beiden Schwestern rennen bereits auf die Bäuerin zu. Sie sind mit ihr verabredet, um die Pferde auf die Weide zu bringen – und meine Mädchen dürfen helfen. Sogar unsere Hündin trottet gemütlich hinterher. Wir schenken uns noch eine Tasse Tee ein und genießen den Blick hinab nach Llangollen im Tal des River Dee. So könnte jeder Tag beginnen. Wir sind in Wales unterwegs. In dem großartigen kleinen Land zwischen der Irischen See und England, das sich selbst Cymru nennt.

Yr Wyddfa, besser bekannt als Mount Snowdon, ist mit 1085 Metern nicht nur der höchste Berg in Wales, sondern höher als jeder Punkt in England. Darauf sind die Waliser sehr stolz. Oft setzen sie noch einen drauf: "If Wales was flattened out, it would be bigger than England!" Diese Behauptung besteht den Faktencheck zwar nicht, zeigt aber dabei die große Liebe der Waliser zu ihrem Land. Wales ist von einer bezaubernden Hügellandschaft geprägt, die mich schon als wandermuffelige Zwölfjährige zu freiwilligen (!) Wanderungen mit meiner Gastfamilie verlockte.

Reise-Tipp Wales
Ingrid Retterath
Beim regelmäßigen Quartierwechsel hilft schon die Jüngste tatkräftig mit.

Der britische Humor zeigt sich in Wales von seiner besten Seite, wenn die Einheimischen ihr Wetter mit "Four seasons in one day" bezeichnen. Reißt der arglose Reisende nun entsetzt die Augen auf, folgt ein tröstliches "If you don’t like our weather, just wait an hour – it’ll change!" Sprechen die Einheimischen miteinander, wird es für uns unverständlich, denn in einigen ländlichen Regionen pflegen die Waliser ihre Landessprache wieder. Die Alten erzählen uns, dass sie in der Schule den Rohrstock zu spüren bekamen, wenn sie Walisisch sprachen. Dann berichten sie begeistert von ihren Enkeln und Urenkeln, die nun in der Schule zweisprachig lesen, schreiben, sprechen – und singen.

Einheimische strahlen vor Glück, wenn die Kinder das übliche "Good morning!" durch ein fröhliches "Bore da!" ersetzen. Meine Mutter punktet, wenn sie sich mit "Diolch!" bedankt. Mir ist im Pub ein Schulterklopfen sicher, sobald ich "Cwrw" statt "Ale" bestelle oder nach "Bara" statt "Bread" frage. Waliser sprechen perfektes Englisch, deshalb ist es völlig okay, danach sofort die Sprache zu wechseln. Keiner lacht, wenn wir uns an schwierigen Ortsnamen versuchen. Selbst wenn sie wohl innerlich einen Regenschirm aufspannen, während wir für das doppelte Doppel-L in Llangollen in einem Sprühnebel von Spucke einen Laut hervorbringen, der an Halskrankheiten denken lässt.

Bei einem Ausflug zur Isle of Anglesey stellen die Kinder erleichtert fest, dass wir Glück bei der Wahl des Campingplatzes hatten. Wie lange hätten wir wohlüben müssen, um Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch fehlerfrei auszusprechen?

Urlaubsziel für Aktivurlauber mit vielen Möglichkeiten

Wales ist ein Paradies für Surfer, Paddler, Schwimmer, Taucher, Kletterer, Golfer, Reiter, Radler, Tierbeobachter und Geocacher. Wer es aufregender mag, bucht eine Rafting Tour in Snowdonia, kombiniert Klettern und Schwimmen beim Coasteering in Pembrokeshire oder erforscht unterirdische Gänge und Höhlen beim Caving in den Brecon Beacons.

Dennoch bleibt das Wandern die beste Art, das Land zu erkunden. Einen umfänglichen Eindruck ermöglicht der Wales Coast Path. Er folgt auf 1400 Kilometern der gesamten walisischen Küste und lässt sich mit dem 280 Kilometer langen Offa’s Dyke Path zu einem unfassbar anspruchsvollen Rundweg kombinieren. Wer es etwas kürzer haben möchte: Die schönsten Abschnitte sind der 200 km lange Anglesey Coast Path und der 300 Kilometer lange Pembrokeshire Coast Path.

Reise-Tipp Wales
Ingrid Retterath
Auf dem Pembrokeshire Coast Path. Broad Haven kommt in Sichtweite. Der kleine Badeort liegt etwa auf der Mitte des rund 3OO Kilometer langen Wegs.

Das wahre Juwel des Landes sind aber die zahlreichen gut markierten lokalen Rundstrecken und Themenwege. Sie führen zu einsamen Bergseen, mysteriösen Höhlen, romantischen Burgruinen, rauschenden Bächen und urigen Pubs. Jede Region hat ihren eigenen Reiz. Snowdonia beheimatet die höchsten Berge und schwierigsten Wanderrouten. Auch auf der Clwydian Range sind einige Gipfel nur mit Kondition zu erreichen. Die Brecon Beacons sind bekannt für ihr hufeisenförmiges karges Bergmassiv, das in einem faszinierenden Kontrast zu den Valleys mit ihren Höhlensystemen und Wasserfällen steht.

Sanfter ist die Landschaft auf der Isle of Anglesey ganz im Nordwesten, in den Hügeln von Mittelwales und im Wye Valley ganz im Süden. Allerorts locken alte Burgen und Kirchen zu einer Besichtigung. In Wales sind Hunde und Kinder willkommen. An manchen Tagen begegne ich mehr Wanderern mit Hund als ohne. Wir halten ein Schwätzchen über die Rassen unserer Hunde, während diese sich umwedeln.

Angesichts meines Neufundländers erfahre ich, wo ich bei einer Zaunüberquerung Schwierigkeiten bekommen könnte, weil das Stile (Zaunleiter) zu hoch für den Hund – und der Hund zu schwer für mich – sein könnte. Zum Glück gibt es oft neben den Stiles einen kleinen Durchlass namens Dogstile, durch den kein Schaf die Weide verlassen kann, aber mein vierbeiniger Wanderfreund nach dem Anheben eines Brettes hindurch passt.

Wandertour mit Kindern

Reise-Tipp Wales
Ingrid Retterath
An Omas Hand geht es durch knifflige Wegabschnitte. Die schmalen Pfade erfordern manchmal Trittsicherheit.

Bei einer Tour mit Kindern wird der Rucksack mit gutem Proviant, Kamera, Fernglas, Wechselkleidung, Schwimmsachen und Handtuch gefüllt. Oberste Tugend der Erwachsenen ist es, dabei gelassen und flexibel zu bleiben. Bei Küstentouren lockt der kleinste Strand zum Baden. Die kleinen Füße bleiben überall stehen, um die See nach Delfinen, Tümmlern oder Seehunden abzusuchen. Wenn dann noch alle drei Kinder eine Bootfahrt fordern, für die sogar noch Plätze frei sind, wird die geplante Strecke deutlich abgespeckt, und wir Großen sind dankbar für die Begeisterungsfähigkeit der Kinder. Im Landesinneren sind es stattdessen Bäche und Moore, Schafe und Schmetterlinge, Ruinen und Besucherbergwerke, die eine stramme Tourplanung zunichtemachen.

"Welche Art von Camping ist euch in Wales die liebste?"

In Wales ist Camping für uns ideal. Die Mädchen lernen schon beim Pitchen (Zelt oder Campingfahrzeug aufbauen) andere Kinder kennen. Der Hund hat viel frische Luft um die Nase. Wir können essen, was (und wann) wir wollen, und genießen unsere Freiheit. "Welche Art von Camping ist euch in Wales die liebste?", werden wir in Bala von anderen Deutschen gefragt. Meine Große antwortet spontan: "Jede!" Genau: Im Zelt erleben wir die Natur besonders intensiv und kuscheln uns in windigen Nächten eng zusammen. Das Wohnmobil ist fein für Reisen mit täglichem Ortswechsel. Unsere Wahl fällt auf einen Wohnwagen, wenn wir von einem festen Standort viele Touren unternehmen.

Besonders urig finden wir die Camping-Pods, die vielerorts vermietet werden. Manchmal verlieben wir uns aber auch in die Geräumigkeit eines Static Caravans. Unsere liebsten Campingplätze liegen so zentral, dass wir sternförmig zu unseren täglichen Wanderungen aufbrechen können. Bei Streckenwanderungen parken wir am Etappenziel und nehmen den Linienbus zum Start. Ohne den Zeitdruck, den letzten Bus erreichen zu müssen, wandert es sich viel entspannter.

Denn alles andere ist in Wales schon spannend genug: Die atemberaubende Landschaft, die Begegnungen mit Wildpferden – oder auch die Busfahrt als solche. Denn wo sonst kommt es zu einem außerplanmäßigen Halt, weil ein Schaf auf der Straße schläft und kurz darauf ein Bauer eine Kiste Kartoffeln in den Bus hievt, die der Busfahrer während der Fahrt an die Fahrgäste verkauft?

Campingreise nach Wales:
Reisetipps im Überblick

Reise-Tipp Wales
Ingrid Retterath
Einreise: Bis 31. Dezember 2020 gilt eine Übergangsfrist, während der die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU neu geregelt werden.
  • Einreise: Bis 31. Dezember 2020 gilt eine Übergangsfrist, während der die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU neu geregelt werden. Deshalb genügt aktuell für die Einreise – wie bisher – der Personalausweis. Das gilt für Staatsbürger der EU-Länder ebenso wie für Schweizer.
  • Hunde: Nötig ist ein Mikrochip mit Identifikationsnummer und ein EU-Heimtierausweis mit Nachweisen für eine Tollwutimpfung (mindestens 21 Tage vor Antritt der Reise) und eine Wurmkur (1–5 Tage vor der Einreise).
  • Verkehr: Linksverkehr. Im ländlichen Raum gibt es viele Single Track Roads, die nur so breit wie ein Wohnmobil sind. Es setzt der zurück, dem es leichter fällt, z. B. weil er das kleinere/wendigere Fahrzeug oder die kürzere Strecke zu einer Ausweichbucht hat.

Campingplatz-Tipps in Wales

Beddgelert Campsite LL55 4UU Beddgelert (GB)
Fishguard Bay Caravan and Camping Park SA65 Fishguard (GB) 31 GBP/Nacht
Wern Isaf Farm Camping Llangollen LL20 8DU (GB) 32,40 EUR/Nacht
Mellington Hall Holiday Home Park SY15 6HU Pentreheyling (GB) 30 GBP/Nacht
Cwmdu Campsite NP8 1RU Cwmdu (GB) 55 GBP/Nacht

Schon gewusst? Wales in Zahlen

  • 1 Whiskybrennerei
  • 2 Landessprachen
  • 3 Nationalparks: Brecon Beacons, Pembrokeshire Coast, Snowdonia
  • 4 Nationalsymbole: Roter Drache, Lauch, Narzisse, Rotmilan
  • 58 Buchstaben hat der längste Ortsname der Welt: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch
  • 308 Meter tief ist die Höhle Ogof Fynnon Ddu
  • 600 Burgen
  • 1.085 Meter misst der höchste Berg, der Snowdon
  • 20.735 Quadratkilometer Fläche
  • 29.000 Jahre Siedlungsgeschichte
  • 3 Millionen Einwohner
  • 10 Millionen Schafe
Zur Startseite