Zeltreise durch Frankreich

Camping wie zu Studentenzeiten

Zelten in Frankreich Foto: Luitpold Leeb 14 Bilder

Zwei Wochen quer durch Frankreich wie zu Studentenzeiten: Mit Auto und Zelt fahren wir an den Atlantik. Wir kommen durch viele liebliche Landschaften und erliegen dem Charme von La Rochelle.

Das hätte man hier nicht vermutet: In einem kleinen, grünen Tal südwestlich von Clermont-Ferrand steht eine der schönsten romanischen Kirchen der Auvergne. Der pyramidenförmige Aufbau von Notre-Dame d’Orcival überzeugt durch seine besonders harmonischen Proportionen. Wir freuen uns über diese Entdeckung im stillen Bergland, durch das wir auf kleinen Straßen westwärts fahren. Fernab der (teuren) Autobahnen, können wir uns in unserem kleinen Cabrio den Wind um die Nase wehen lassen und gemütlich durch die Landschaft cruisen.

Wir haben Zeit für Entdeckungen, denn einen festen Reiseplan gibt es nicht auf unserem Weg zum Atlantik. Trotz Hochsaison verzichten wir auf die frühzeitige Buchung von Campingplätzen. Unser kleines Zelt lagert im Kofferraum des Peugeot, und in fast jedem Ort finden wir einen Camping Municipal, wo wir problemlos für eine Nacht bleiben können. Die Richtung geben einige Orte vor, die zu den touristischen Höhepunkten des Landes zählen.

Wandmalereien aus längst vergangenen Zeiten

Auf unserem Weg zur Dordogne kommen wir an Frankreichs berühmtester Höhle vorbei: Lascaux wurde 1940 entdeckt und zeigt eine kongeniale Welt der Steinzeitmenschen, die durch hunderte Bilder von Hirschen und Auerochsen, Pferden und Stieren äußerst lebendig wirkt.

Prähistorische Tiermalereien Foto: Luitpold Leeb
Sehr lebendig und anrührend: die prähistorischen Tierbilder in der weltberühmten Höhle von Lascaux.

Wir sind gerührt, welche Kunstwerke die Menschen da vor geschätzten 20.000 Jahren geschaffen haben, auch wenn das heutige Lascaux IV nur eine (äußerst aufwendige) Kopie der Originalhöhle ist, die 1963 wegen bedrohlichem Pilzbefall geschlossen werden musste.

Weiter im Südwesten liegt Sarlat, das städtebauliche Juwel des Périgord Noir. Okay, beim Schlendern durch die reizende Altstadt ist man nicht allein, aber man versteht sofort, dass sich dieses gut erhaltene Stadtensemble seit den 1960er Jahren zu einem der beliebtesten Drehorte für Historienfilme entwickelt hat, etwa „Jeanne d’Arc“ mit Milla Jovovich (1999) oder auch „Der junge D’Artagnan“ mit Justin Chambers (2001).

Burgen und Renaissanceschlösser

Nur wenige Kilometer südlich kommt man zur Dordogne, die längst nicht so bekannt ist, wie etwa die Loire. Während die Loire mit ihren prunkvollen Schlössern herrschaftlich, protzend und manchmal etwas vereinnahmend wirkt, ist die Dordogne mit ihren Burgen und Bastiden eher das genaue Gegenteil, eher romantisch und verträumt.

Basilika Notre-Dame d´Orcival Foto: Luitpold Leeb
Mit ihrem pyramidenförmigen Aufbau ist die Basilika Notre-Dame d’Orcival ein Musterbeispiel für die Romanik in der Auvergne. Der kleine Ort liegt ein paar Kilometer südwestlich von Clermont-Ferrand.

Was nicht immer so war, denn Burgen wie Beynac oder Château Castelnaud waren Festungen, um die im Hundertjährigen Krieg lange gerungen wurde. Und die Bastiden waren angelegte Wehrsiedlungen, die jeweils französisches oder englisches Gebiet markieren sollten. Eine der bekanntesten ist Monpazier, das uns heute eher gemütlich erscheint.

Rund um den Marktplatz locken Cafés und Boutiquen zum Verweilen, lediglich der gezirkelte Grundriss mit schnurgeraden Straßen weist noch darauf hin, dass hier in der Ritterzeit eine Wehrsiedlung gebaut wurde. Eine ganz andere Atmosphäre finden wir im wenige Kilometer entfernten Renaissanceschloss Les Milandes, das vor allem durch seine letzte Besitzerin bekannt wurde: Josephine Baker wurde als Sängerin und Tänzerin weltberühmt – wer kennt nicht ihr neckisches Bananenröckchen? Im Schlossmuseum erfahren wir aber auch, dass sie sich im Zweiten Weltkrieg dem französischen Widerstand angeschlossen hat. Später hat sie dann das Schloss in eine Art Kinderheim umgewandelt und betreute hier ihre Adoptivkinder. Wieder rollen wir mit unserem Cabrio weiter, doch schon kurz darauf lockt die Zisterzienserabtei von Cadouin zu einem Besuch, denn den fantastischen Kreuzgang im gotischen Flamboyantstil muss man gesehen haben. Prima, wenn man sich Zeit lassen kann, weil man auch hier immer schon nach wenigen Kilometern einen Campingplatz findet, wo man sein Zelt aufschlagen kann.

Weiter Richtung Atlantik

Im Westen öffnet sich die Landschaft, und entlang der breiten Gironde-Mündung meint man, schon das Salz des Meeres auf den Lippen zu spüren. In dem kleinen Ort Talmont stoßen wir auf Sainte-Radegonde, eine berührende romanische Kirche aus dem frühen 12. Jahrhundert, die vor allem wegen ihrer fantastischen Lage auf einer steilen Klippe am Ufer der Gironde besticht.

Ein Schiffsmodell im Inneren zeigt, dass hier für die heile Wiederkehr der Seefahrer gebetet wurde. Ganz klar, wir sind in der Charente Maritime angelangt, die stark vom Atlantik geprägt ist. Die Île d’Oléron, Frankreichs größte Atlantikinsel, erreicht man über eine imposante, drei Kilometer lange Brücke, und wir finden einen netten Campingplatz am Strand. Im Hintergrund grüßt das kuriose Fort Boyard, eine napoleonische Küstenfestung, die in der Neuzeit durch eine beliebte Fernsehshow bekannt wurde.

Auch die weiter nördlich gelegene Île de Ré hat ihren ganz eigenen Reiz. Im Hauptort Saint-Martin-de-Ré herrscht am gemütlichen Hafen reges Treiben, dem wir gerne zuschauen, während wir in einem der zahlreichen Bistros einen Pineau des Charentes genießen: Wenn wir den Garçon richtig verstanden haben, ist diese lokale Spezialität ein Aperitif auf Basis von Traubenmost und Cognac. Wie auch immer, er schmeckt köstlich! Vorbei an den deutschen U-Boot-Bunkern in La Pallice, die durch den Film „Das Boot“ bekannt wurden, fahren wir zur Hauptstadt der Charente Maritime, dem legendären La Rochelle.

Eine Stadt wie im Bilderbuch

Keine andere Stadt an der französischen Atlantikküste vermag den Besucher so schnell in ihren Bann zu schlagen wie diese alte Hafenstadt. Durch die belebten Gassen geht es zum alten Hafen, den wir durch einen Torbogen im Tour de la Grosse Horloge, dem Uhrenturm, erreichen.

Hafen von La Rochelle Foto: Luitpold Leeb
Dem Zauber von La Rochelle kann sich kaum ein Besucher entziehen. Am besten genießt man diesen Blick bei einem Glas Pineau in einem der vielen Hafencafés.

Im Hafenbecken liegen zahlreiche Boote, die Einfahrt wird von den zwei Türmen, Tour St. Nicholas und Tour de la Chaine, dem Kettenturm, bewacht. Wir erklimmen St. Nicholas und lassen den Blick in die Runde schweifen: Der alte Hafen mit seinen charakteristischen Türmen auf der einen Seite und ein Künstlerviertel mit moderner Streetart-Graffiti auf der anderen Seite erzeugen mit urbanem Flair einen reizvollen Kontrast. Und weil wir jetzt hungrig sind, genießen wir am Hafen eine ordentliche Portion Moules frites (Miesmuscheln mit Pommes frites), die hier in zahllosen Variationen angeboten werden und einfach köstlich schmecken (wer keine Muscheln mag, findet auch genug andere Leckereien auf der Speisekarte). So gestärkt besuchen wir das Aquarium von La Rochelle, das eine bemerkenswerte Vielfalt von Fischen aus allen Weltmeeren zeigt: In zahlreichen Bassins kann man rund 12.000 Tiere bewundern, die einen tollen Einblick in die Welt unter Wasser gewähren.

Das grüne Venedig

Obwohl wir noch tagelang am Atlantik bleiben könnten, müssen wir doch an die Heimfahrt denken und steuern unser kleines Cabrio gen Osten. Auf unserem Weg liegt eine der sonderbarsten Landschaften des Poitou, wie man sie sonst nirgends in Frankreich findet: Das Marais Poitevin war noch bis ins Mittelalter vom Meer überspült, später holte Heinrich IV.

Marais Poitevin Foto: Luitpold Leeb
Unterwegs im grünen Venedig, wie das Marais Poitevin auch genannt wird, taucht man in die stille Welt des Moors ein.

Fachleute aus Holland, die die Sumpflandschaft langsam kultivierten und zahllose Kanäle anlegten. So entstand zwischen den Flüssen Autise und Sèvre eine eigentümliche Wasserlandschaft, die die Einheimischen hier Venise verte, das grüne Venedig, nennen. Auf einer Bootstour wird man durch grüne Baumalleen gestakt (Motorboote sind hier verboten) und staunt über glückliche Rinder, die hier ihren Sommer auf einer der grünen Inseln verbringen. Unsere Tour quer durch Frankreich erweist sich einmal mehr als richtiges Retro-Abenteuer.

Am Ende wissen wir: Jene Freiheit, wie wir sie aus unseren Reisen in Studentenzeiten kennen, kann man auch heute noch erleben. Die spontane Suche nach einem Campingplatz klappt selbst ohne Smartphone-Hilfe. Als wir bei Saint-Émilion tatsächlich einmal auf einen ausgebuchten Platz trafen, fand sich drei Kilometer weiter eine gute Ausweichlösung. Und Zelten macht einfach Spaß. Nur manchmal meldet der Rücken am Morgen, dass wir eben doch keine 20 mehr sind.

Camping-Tipp

Überall in Frankreich gibt es einen der mehr als 2000 Camping Municipal, kommunale Zeltplätze, die über alles Wesentliche verfügen, aber keine Animationen oder ähnliche Angebote wie auf Komfort-Campingplätzen bieten. Dafür sind die Camping Municipal auch in der Sommersaison sehr preiswert.

Für eine Nacht mit zwei Personen, Auto und Zelt bezahlt man rund 20 Euro. Meist sind die kommunalen Plätze sehr zentral gelegen, das Ortszentrum kann häufig in wenigen Minuten zu Fuß erreicht werden. Camping Municipal sind zudem gut beschildert und auch ohne Navi oder Smartphone-App meist problemlos zu finden.

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