Audi RS6 Modelljahr(2020) Tobias Sagmeister / Audi
Audi RS6 Modelljahr(2020)
Audi RS6 Modelljahr(2020)
Audi RS6 Hinterradlenkung
Audi RS6 Modelljahr(2020) 20 Bilder

Fahrbericht Audi RS6 mit 2,1 Tonnen Anhängelast

Deutschlands schnellstes Zugfahrzeug

Der Oberklasse-Kombi Audi RS6 mit dem V8-Biturbo wird in der Neuauflage deutlich sportlicher und darf jetzt auch mit Anhängekupplung bis zu 305 km/h fahren.

Klar, für den Hängerbetrieb ist die Höchstgeschwindigkeit des Zugfahrzeugs unerheblich: Maximal 100 km/h schaffen auch eher schwach Motorisierte. Aber wer im Alltag, der auch für die meisten Wohnanhängerfans überwiegend Fahrten ohne diesen bereit halten dürfte, gerne sehr sportlich unterwegs ist, ohne auf das Platzangebot eines großen Kombis verzichten zu wollen, der könnte mit einem Audi RS6 Avant liebäugeln – vorausgesetzt das Budget reicht.

Den RS6 gibt es bereits seit 2002. Die neue Generation, die seit Anfang des Jahres zu den Kunden rollt, ist bereits die vierte – und die zweite, die ausschließlich als Kombi zu haben ist. Schon beim Vorgänger (2013) wurde die Limousinen-Variante vom RS7 verdrängt.

Audi RS6 Modelljahr(2020)
Tobias Sagmeister / Audi
Rechts am Lenkrad gibt es jetzt die RS-Taste, unter der beliebige Fahrwerkskonfigurationen zum Schnell-Abruf aus dem Drive Select Menü abgespeichert werden können.

305 km/h auch mit Niveauregulierung

Beim neuen Audi RS6 gibt es die Anhängekupplung nun auch in Verbindung mit dem Dynamik-Paket, das 305 km/h Topspeed zulässt. Damit ist der RS6 neben dem identisch motorisierten Lambo Urus das schnellste Zugfahrzeug. Aber: Für den Kick müssen High-Speed-Junkies auf Preis von 117.500 Euro noch mal 12.500 Euro (RS-Dynamikpaket Plus, u. a. inklusive Keramikbremse) drauf legen.

Wer sich mit der 280er-Drossel begnügt, kann auf die Super-Bremse verzichten und kommt mit 4000 Euro für das RS-Dynamikpaket davon. Es enthält wie das Plus-Paket die sehr empfehlenswerte Allradlenkung und das Sportdifferenzial für ein kurvengierigeres Fahrverhalten.

Serienmäßig an Bord ist die RS-spezifisch abgestimmte adaptive Luftfederung. Über sie ist der Audi RS6 gegenüber der Standardversion um 20 Millimeter tiefergelegt, bei hohem Tempo wird um weitere zehn Millimeter abgesenkt. Bei langsamer Fahrt kann das Fahrwerk außerdem um 20 Zentimeter nach oben gefahren werden. Außerdem kann die Luftfederung einen Niveauausgleich herstellen, was bei starker Beladung oder eben im Hängerbetrieb hilfreich ist. Gegenüber dem Vorgänger sind die Luftfedern stärker, was in Generation vier auch dem luftgefederten RS6 auf Wunsch 305 km/h Höchstgeschwindigkeit erlaubt.

Wankstabilisierung nur ohne Luftfederung

Als Option gibt es für 1250 Euro das DRC-Sportfahrwerk (Dynamic Ride Control) mit Stahlfedern und einstellbaren Sportdämpfern, die über Ölleitungen miteinander verbunden sind. Dadurch sollen sie Nick- und Wankbewegungen vermeiden helfen. Im RS6 Avant des Modelljahrgangs 2020 gibt es die Anhängerkupplung auch für das Stahlfahrwerk – im Vorgänger hatten die beiden hydraulischen Schaltventile für den Nickausgleich den Bauraum für die Anhängekupplung blockiert, jetzt hat Audi sie umgruppiert.

Sparfüchse fahren freiwillig selbstbeschränkt 250 km/h. Die mechanisch wegklappbare Anhängerkupplung mit Systemsteckdose kostet 990 Euro. Die Anhängevorrichtung inklusive Anhängerassistent steht mit 1190 Euro in der Preisliste. Er soll den Fahrer bei der Führung des Gespanns während der Rückwärtsfahrt unterstützen, die Kollision von Fahrzeug und Hänger vermeiden und gibt Feedback im MMI-Display über Gespann bzw. Systemzustand. Außerdem Gespann muss der Fahrer laut Audi das Gespann nicht mehr durchgehend stabilisieren. Die reine Vorbereitung ohne Kupplung kostet 200 Euro.

800 Nm für 2,1 Tonnen Anhängelast

Ziehen darf der RS6 mit der Anhängekupplung, für die sich 25 Prozent (!) aller bisherigen Kunden entschieden haben, 2,1 Tonnen. Motorisch ist der Breit-A6 (plus acht (!) Zentimeter gegenüber dem Normal-A6) gerüstet: Der 4.0 V8 kommt auf 600 PS und 800 Nm Drehmoment. Der serienmäßige Allradantrieb sorgt für die passende Traktionsfähigkeit. Ach ja: 11,7 Liter Normverbrauch nennt Audi. Zum Mildhybrid wird der Biturbo dank Riemen-Starter-Generator (RSG) und 48-Volt Bordnetz. Bis zu 12 kW kann der RSG je nach Fahrsituation rekuperieren und in eine eigene Speicherbatterie übertragen, neben der Rekuperation kann das System auch bis zu 40 Sekunden bei abgeschaltetem Motor in den Segelmodus wechseln. Der Start-Stopp-Betrieb wird bis zu 22 km/h möglich sein, was laut Audi eine Kraftstoffersparnis von maximal 0,8 Liter bringt. Die sind auch durchaus nötig, denn ein Sparbrötchen wird der neue Audi RS6 nicht: 11,7 Liter Normverbrauch geben die Ingolstädter an. Nicht nur mit Anhänger dürfte das Makulatur sein.

Audi RS6 Modelljahr(2020)
Audi
Platz für die Anhängerkupplung ist im RS6 jetzt auch, wenn die Wank/Nickstabilisierung an Bord ist.

Wie fährt die neue Technik?

Am auffälligsten gegenüber dem Vorgänger verändert hat Kraft-Kombi die Allradlenkung: Das Prinzip ist von anderen Herstellern bekannt, der Effekt beim RS6 verblüffend: Im bergigen Hinterland von Malibu macht der 600-PS-Avant auch bei engagierter Fahrweise seine rund fünf Meter Außenlänge und die gut 2,93 Meter Radstand vergessen. Sagte man dem Fahrer, er sitze in einem RS4, er würde es glauben. Dazu passt die Progressivlenkung (vorn): Ihre Zahnstange variiert die Übersetzung abhängig vom Lenkwinkel. Mit zunehmendem Einschlag wird die Übersetzung kleiner und die Lenkung direkter. Selbst in Kehren ist Kurbelei Geschichte, was den Eindruck großer Handlichkeit enorm verstärkt.

Vom Motor eines gut zwei Tonnen schweren Lasters mit Acht-Gang-Automatik erwartet man in erster Linie ausreichend Leistung und Drehmoment. Beides liefert der 4,0-Liter-V8. Das ganz spitze Ansprechverhalten eines Saugers bietet der Biturbo, der dank Otto-Partikelfilter und entsprechendem Mapping die aktuell strengste Abgasnorm (Euro 6d) erfüllt, nicht. Auch wenn das Drehmoment gegen die Drehzahl aufgetragen ein sich früh erhebendes Plateau ausweist: Zwischen Gasgeben und Losstürmen legt der V8 gefühlt ein kurzes Luftholen ein. Jammern auf hohem Niveau, sicherlich. Aber ausgerechnet leistungsstarke Elektroautos können hier punkten, haben vielleicht sogar den Anspruch erhöht. Beim Sound bleibt der RS6 allerdings vorn. Eine Knallbüchse ist er aber beileibe nicht.

Launchcontrol zum selber Messen

Der Standardsprint gelingt laut Audi in 3,6 Sekunden.Wer die neueste Spielerei des RS6 nutzt – Launchcontrol aktivieren und dabei die Sprintzeit von 0 bis 100 km/h mitstoppen – dürfte kaum mehr an der Leistungsfähigkeit dieses Verbrennungsmotors zweifeln – und kann mit etwas Übung sowie unter günstigen Bedingungen (trockene Straße, nicht bergauf) die Werksangabe unterbieten.

Fazit

Dem schnellen Reisekombi mit überragender Längsdynamik hat vor allem die Allradlenkung beim Generationswechsel quasi ein zweites Auto für die Spritztour in die Berge hinzugefügt. Wer auf diese neue Qualität des großen Power-Kombi besonderen Wert legt, sollte sich die Anschaffung des optionalen Stahlfahrwerks (1.250 Euro) mit Wankstabilisierung überlegen, auch wenn die Niveauregulierung dann entfällt. Da gilt es gut zu überlegen, wofür der kräftige Allradler öfter eingesetzt werden soll: Im Hänger- oder im Spaßbetrieb.