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Zugwagen-Test Tesla Model X

Mit dem Elektroauto durch die Alpen

Tesla X Foto: Andreas Becker 25 Bilder

Das Model X von Tesla ist das einzige Elektroauto mit Anhängelast. Um herauszufinden, wie es im Zugbetrieb um Reichweite bestellt ist, haben wir uns von München aus über die Alpen Richtung Dolomiten aufgemacht.

13.12.2017 Ingo Wagner

Wer je die Alpen per pedes oder Bike überquert hat, liebt die Gefühlsachterbahn zwischen Verzweiflung, Erschöpfung und purem Glück – und weiß, dass der Erfolg eines Alpencross maßgeblich von Ausdauer und Routenplanung abhängt. Mit Ausnahme des Faktors körperliche Erschöpfung lässt sich dieses Abenteuer aber auch hinter dem Lenkrad eines Autos erleben. Man muss es nur mit einem Tesla Model X samt Caravan wagen.

Tesla erstes Elektroauto mit Anhängerkupplung

Tesla X Foto: Andreas Becker
Tesla Model X: Erstes Elektroauto mit Anhängekupplung.

Das Model X ist nicht nur das einzige Elektroauto, das Anhänger ziehen darf, sondern mischt mit 2250 Kilo Anhängelast munter bei den Verbrennern mit. Als wäre das nicht ungewöhnlich genug, gehört die Anhängevorrichtung zur Serienausstattung. Der plausible Grund: Die hinteren Flügeltüren vereiteln die Montage eines Dachträgers.

Weil gewisse Reserven für Ausdauerprojekte nicht schaden können, belassen wir es bei einem 1,4 Tonnen schweren Dethleffs Beduin 500 FR aus der Mietflotte des Freistaates Sulzemoos und einer laut Routenplaner 304 Kilometer langen, aber typischen Urlaubsstrecke über die Alpen. Der Startpunkt: Vaterstetten bei München, wo wir den X vom Vermieter Ecar-Rent übernehmen. Das Ziel: Der Caravanpark Sexten in den italienischen Dolomiten.

Von „Sport-“ auf „Wahnsinns-Modus“

Tesla X Foto: Andreas Becker
Zwei Mal Panorama: Frontscheibe und 17-Zoll-Monitor mit Google-Earth-Ansicht.

90 Prozent Batterieladung zeigt das riesige 17-Zoll-Zentraldisplay des Mietwagens vor dem Start. Im Idealfall, also bei gleichmäßiger Solofahrt, sollte das für 300 Kilometer reichen. Unter Berücksichtigung des durchschnittlichen Energieverbrauchs der letzten 50 Kilometer prognostiziert der Bordcomputer allerdings nur noch 246 Kilometer. „Das Auto wurde zuletzt bei einer Veranstaltung bewegt, also zügig“, vermutet Ecar-Rent-Mitgründer Roland Bauer bei der Einweisung in das einstige Topmodell P90D (jetzt: P100D) und grinst. Ein paar Fingerwische später entdecken wir auf dem Bildschirm den Grund für Bauers Vermutung: Im „Fahren“-Menü taucht der berühmte virtuelle Schieberegler auf, mit dem sich das Beschleunigungsvermögen des 2,6 Tonnen schweren Sechssitzers von „Sport“ auf „Wahnsinn“ trimmen lässt. Wie treffend dieser Begriff ist, werden wir erst viel später erfahren. Für unser Vorhaben sollte Sport mehr als genügen.

Wir kramen die Anhängevorrichtung aus dem Unterfach des Heck-Kofferraums (diese Ortsbestimmung ist nötig, weil der Tesla X auch einen Front-Kofferraum hat), knibbeln die Abdeckung aus dem Stoßfänger und rasten den Kugelkopf ein. So weit, so normal. Unerwartete Schwierigkeiten bereitet die Steckdose: Sie sitzt so tief und weit rechts hinter dem Stoßfänger, dass man den Stecker nur kniend und mit Gewalt ein Stück weit drehen und sichern kann. Noch ahnen wir nicht, wie oft wir diesen Kniefallvollführen würden. Schließlich signalisieren die Kontrolllampedes Stabilisierungssystems ATCund die Anhängerlichter, dass dieelektrische Verbindung steht.

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Google kennt den besten Weg

Tesla X Foto: Andreas Becker
Erster Supercharger in Kitzbühl.

Auf Basis von Google-Software und der darin implementierten Tesla-„Supercharger“-Schnellladestationen suchen wir unser Tagesziel. Einige Sekunden später steht die Route: Zu unserer Überraschung führt sie über Kitzbühel und den dortigen Supercharger, Mittersil, Matrei, Lienz und Innichen nach Sexten statt über den Brenner. Das verkürzt die Strecke von 307 auf 275 Kilometer und die Etappe zur ersten Schnellladestation von 230 (Brenner-Passhöhe) auf 127 Kilometer.

Von 42 Prozent Batteriefüllung und 20 Minuten Ladezeit in Kitzbühel orakelt das System, noch ohne Kenntnis vom angehängten Caravan, um mit elf Prozent Restenergie in Sexten anzukommen. Um 14.15 Uhr treten wir zum ersten Mal vorsichtig aufs Gas-, sorry, alte Gewohnheit, Fahrpedal. Himmel, wie dieses schwarze Biest anzieht! Kein Witz: Der Caravan ist beim Beschleunigen kaum zu spüren, selbst die knackige Steigung des Irschenbergs fliegt das Elektro-Gespann förmlich hinauf. Dabei züngelt die Leistungsanzeige erstmals längere Zeit über 100 kW. Weil wir es gerade davon haben: Die letzte Zahl auf der Leistungsskala ist die 400, die Spitzenpower der beiden Motoren des Tesla X P90D beziffern die Amerikaner auf 396 kW oder 539 PS. Der neue P100D reißt sogar die 700-PS-Marke.

Caravan überrumpelt Computer

Schon nach 46 Autobahnkilometern steht die Batterie bei 66 Prozent, doch die Linie für die aktuelle Restreichweite fällt immer schneller tiefer unter die ebenfalls eingeblendete Normreichweitenberechnung. Von 42 Prozent ist die Akkuprognose bereits auf 28 gefallen. Solange der Strom bis Kitzbühel reicht, messen wir Elektro-Greenhorns dieser Entwicklung keine größere Bedeutung bei und gleiten weiter leise und (zu) schnell gen Süden.

Tesla X Foto: Andreas Becker
Bei jedem Ladestopp muss der Caravan geparkt werden. Gut, wenn das in der Nähe geht.

Auf den Punkt genau dirigiert uns Captain Google zum Supercharger in Kitzbühel. Als wir den möblierten Rucksack vor dem benachbarten Blumenladen abschnallen, meldet die Elektronik noch 58 Kilometer Reichweite. Kaum pumpt der Supercharger Strom mit 24 Ampere durch das fette Ladekabel in die Unterflurbatterie, errechnet das Elektronik-Hirn des Tesla, dass 30 Minuten Ladezeit für die Weiterfahrt bis zum Ziel genügen. Doch weil es der örtliche Betreiber gut mit seinen Ladegästen meint und ihnen ein rustikales Automatencafé hinter einem Kühlhausvorhang eingerichtet hat, gönnen wir dem Schwarzen noch einen zehnminütigen Extraschluck aus der Strompulle – und uns je einen Plastik-Cappuccino à 1,20 Euro. Sie wissen ja, Reserven und so.

Wir folgen der Pass-Thurn-Straße über Matrei zum Felbertauerntunnel. Die Traumstraße schwingt sich in weiten Bögen über Berg und Tal, der X stromert scheint’s gelassen dahin. Doch die Restreichweite sinkt durch die Anstiege deutlich schneller als vermutet und vorhergesagt. Die Nervosität steigt mit jedem Höhenmeter. Dann die Gewissheit: Kurz nach der Meldung „Unter 70 km/h fahren, um Ziel zu erreichen“ korrigiert der Bildschirm auf der Gemarkung Assling „Laden erforderlich, um Ziel zu erreichen.“ Da kein Supercharger mehr auf dem Weg liegt, tippen wir auf das Blitz-Symbol im Navigationsbildschirm, das sämtliche Nicht-Supercharger auf der Karte einblendet.

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Die Adressliste weist ausschließlich Hotels als Betreiber aus. Jetzt sorgen wir uns doppelt: Wie werden die Hoteliers reagieren, wenn ein Camper um Energie fleht? Was, wenn wir abblitzen? Doch Sabine von der Dolomiten Residenz Sporthotel in Sillian erlöst uns am Telefon.Sie verspricht: „Der Herbert schaltet euch die Ladestation frei.“ Zehn Minuten später kuppeln wir den Dethleffs auf dem Parkplatz der gegenüberliegenden Seilbahnstation ab und rollen hinüber zum Hotel. Zwar treffen wir keinen Herbert, doch fließt direkt nach dem Anstöpseln Strom aus der 22-kW-Wallbox in den 90-kWh-Akku des Tesla, alkoholfreies Bier in uns. Unser Bar-Konsum ist der Rezeptionistin Gegenleistung genug für eine Stunde am Kabel, durch das an normalen Chargern 16 statt 24 Ampere Strom fließen. Eine Komplettladung, für Hotelgäste gratis, würde ergo neun Stunden dauern. Mittlerweile ist es 20.15 Uhr – in 45 Minuten schließt der Campingplatz. Und so starten wir mit 39 Kilometern Reichweite und mulmigem Gefühl auf die letzte Etappe von 26 Kilometern.

Batterietod in Sexten

Tesla X Foto: Andreas Becker
Ladestation am Hotel Rosengarten in Toblach.

Das Gefühl sollte uns Recht geben: Wiederschlägt der Schlussanstieg von 1160 auf 1520 Meter Meereshöhe so stark ins Kontor, dass der Tesla, die Platzeinfahrt schon in Sichtweite, die Leistung drosselt. Mit einem Kilometer Reserve und dem Warnhinweis, dass die Batterie bei Kälte weniger Energie liefert, rollen wir vor die Rezeption. Doch auf die Frage, wo sich der versprochene Ladeanschluss befindet, weiß die junge Dame nicht Bescheid und schickt uns auf den Reisemobilstellplatz. Eine fatale Entscheidung. Denn die Sicherung hält dem Anlaufstrom des Ladegeräts nicht stand. Direkt nach der Ankunft muss sie hinter unserem Rücken herausgesprungen sein. Morgens um sieben Uhr ist der Tesla mausetot. Wiederbelebungsversuche mittels Starkstrom, den Platzchef Happacher flugs hat legen lassen, scheitern daran, dass auch der 12-Volt-Batterie zur Versorgung des Bordsystems der Saft ausgegangen war.

Das Internet verrät, dass der Front-Kofferraum geöffnet werden muss, um an die Pole der Bordstromversorgung zu gelangen. Wie genau das geht, erklärt uns die Tesla-Notfall-Hotline. „Man muss“, so der Berater, „die Kotflügel-Innenverkleidungen lösen und dann bis zum Stoßfänger nach vorn greifen. Das wird etwas weh tun.“ Tut es auch. Auf beiden Seiten sollen Schlaufen zu ertasten sein, die den Deckel entriegeln. Nur: rechts ist keine. Alternativ könne man eine Abdeckung im angedeuteten Kühlergrill öffnen und von dort aus die Reißleinen betätigen, verrät ein zweiter Servicemann am Pannendraht, während wir nach einer Stunde vergeblicher Fummelei unsere zerkratzten Arme betrachten. Bingo.

Tesla X Foto: Andreas Becker
Auf dem langen Anstieg zum Brenner schmelzen die Reserven. Mit angezeigten 40 Kilometern Reichweite kommen wir 17 Kilometer weit.

Das Team vom Caravanpark Sexten tut alles, damit der Tesla wieder flott wird. Um 15.30 Uhr trauen wir uns auf die Piste – auf dem Rückweg wollen wir dann doch über den Brenner. Als in Toblach im Pustertal eine Tesla-Flagge am Straßenrand flattert, biegen wir reflexartig ab. Alexander Strobl vom Hotel Rosengarten fährt und vermietet selbst einen Tesla X und rät uns, nachdem wir ihm vom Brenner erzählen, so lange wie möglich am Strom zu bleiben. Wie richtig sein Rat ist, erleben wir eine Stunde später: zwei Kilometer vor dem Supercharger auf dem Brennerpass springt die Reichweite auf null. Wir schaffen es trotzdem, sind aber fix und fertig. Der Rückweg nach München verläuft glatt. Was sind wir glücklich.

Tesla Model x – Fakten und Kosten

Das Model X hat Platz für bis zu 7 Personen (Serie: 5 Sitze). Die zweite und dritte Sitzreihe sind durch Flügeltüren zu erreichen. Die„Falcon Wings“öffnen durch ein zweites Gelenk oberhalb der Fenster platzsparend. Sensoren überwachen das Umfeld, um Kollisionen zu vermeiden. Das Model X hat zwei Stauräume: Der hintere Kofferraum verfügt über einen Volumen von 745, der vordere von 150 Liter.

Das Fahrverhalten im Gespann ist super. Durch das hohe Gewicht, den niedrigen Schwerpunkt und die 22-Zoll-Räder (5700 Euro) läuft der X wie auf Schienen. Nur der Komfort leidet trotz Luftfederung unter den Niederquerschnitts-Pneus.Bei der Qualität ist Luft nach oben: Ungleichmäßige Spaltmaßeund teils schludrige Verarbeitung der Materialien trüben das Bild. Beeindruckend, jedoch im Gespannbetrieb deaktiviert, ist der Autopilot (ab 12 700 Euro), der den Tesla auf gut ausgebauten Straßen sicher leitet. Der Hammer ist die „Wahnsinns“-Beschleunigung. Mit ihr schnellt der P90D in vier Sekunden auf 100 km/h. Der P100D soll es in 3,2 Sekunden schaffen. Die Typenbezeichnung gibt Auskunft über die Batteriekapazität in Kilowattstunden (kWh) und damit über die zu erwartende Reichweite. Das P steht für die Performance-Versionen mit Superbeschleunigung.

Die aktuellen Modelle

  • Tesla X 75D: 91.250 Euro, 417 km Reichweite nach NEFZ
  • Tesla X 100D: 110.800 Euro, 565 km Reichweite nach NEFZ
  • Tesla X P100D: 156.100 Euro, 542 km Reichweite nach NEFZ

Fahrzeuge, die vor dem 15. Januar 2017 bestellt wurden, zapfen an Superchargern kostenlos. Diese laden mit 145 kW, so dass nach ca. 40 Minuten Ladezeit der nächste Supecharger erreicht werden kann. Ab sofort sind noch 400 kWh (Wert ca. 100 Euro) pro Jahr kostenlos. Danach wird auf Basis von Minuten und in zwei Stufen abgerechnet: Stufe 1 gilt für die Ladezeit bis 60 kW und kostet 17 Cent/Minute. Stufe 2 für die Ladephase über 60 kW kostet 34 Cent/Minute. Stufe 1 gilt auch, wenn sich zwei Autos eine Säule teilen.

Technische daten X P90D

Motor/Antrieb: Je ein Elektromotor an Vorder- und Hinterachse max. Leistung: 396 kW (539 PS)
Fahrleistungen solo: Beschleunigung 0–100 km/h 5,2/4,0s, Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Energieverbrauch: (kWh/100 km) im Test solo/Gespann: 29,9/47,0
Maße/Gewichte: Länge/Breite/Höhe: 5037/2070/1684 mm. Leer-/zul. Gesamtmasse: 2550/3071kg; Zuladung abgezogen Stützlast (90 kg): 431 kg. Anhängelast 12 %: 2250 kg. Maximalgewicht des Zuges: – ; Kofferraumvolumen: insgesamt 895 Liter.

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Tesla Model X im Test bei auto-motor-und-sport.de
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www.ecar-rent.com

Die junge Firma hat sich auf die Vermietung von Tesla-Modellen spezialisiert. Weil der Tesla X serienmäßig mit Anhängekupplung ausgestattet ist, eignen sich die Mietfahrzeuge ideal für Probefahrten mit Caravan. Stationiert sind die als Sechs- und Siebensitzer konfigurierten Modelle in Wien, Graz, Salzburg, Villach, Linz, St. Pölten, Bregenz, München und Friedrichshafen, jeweils in der Nähe des Flughafens. Der Mietpreis beträgt 299 Euro pro Tag ohne Kilometerbegrenzung. Wochenend- und Sonderangebote und die Möglichkeit, das Model X an einem anderen der insgesamt 18 Standorte zu übernehmen, können unter info@ecar-rent.com oder der Telefonnummer +43 316 23 20 85 erfragt werden. Die Mietkaution beträgt 2000 Euro (Kreditkarte), etwaige Schäden werden davon abgezogen.

Fazit

Enorme Kraft, geringe Reichweite. Der Tesla X P90D ist eines der besten Zugfahrzeuge, die ich je gefahren bin: Enorme Leistung gepaart mit fettem Drehmoment machen unvergleichlich souverän. Allerdings fehlt dem Fahrer dadurch fast jegliche Rückmeldung darüber, wie energieintensiv der Fahrzustand gerade ist. Anders als ein Verbrenner schaltet der getriebelose Tesla nicht zurück, wird an steilen Rampen weder laut noch langsam und beschleunigt selbst bei sanftem „Gas“-Fuß vehement. Und das kostet Reichweite. Wer Energie sparen will, reiht sich auf der Autobahn hinter einem Lkw ein. Mein Fazit ist ambivalent: Das Auto funktioniert, bürdet dem Camper aber Einschränkungen auf.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Heft 12 / 2017 14. November 2017 82 Seiten Heftinhalt anzeigen
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